Rocker :: Was nicht tötet, härtet ab!
23. January 2003 — Zuletzt bearbeitet: 16. October 2006 | 16246x gelesen
In den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern bezeichneten sich erstmals englische Arbeiterjugendliche als 'Rockers' – das 's' ging im Deutschen verloren. In den USA hingegen haben sich die Rocker schon immer 'Biker' genannt. Zunächst wurde der Begriff von vielen Gruppen in Deutschland abgelehnt – das änderte sich, als Rocker kriminalisiert und als bedrohliche Jugendformation dargestellt wurden. Diejenigen, die als besonders gefährlich in Erscheinung treten wollten, nannten sich Rocker.
In den 60er und 70er Jahren waren das vornehmlich Arbeiterjugendliche und junge Leute aus dem dörflichen Bereich, die zumeist noch nicht motorisiert waren und 'Fußlatscher' genannt wurden. Die Rocker grenzten sich klar ab von der Schüler- und Studentenjugend, von '68ern und von FlowerPower. “Rocker sein” war auch ein Reflex auf die vermeintlich feminisierte, verweichlichte Form des männlichen Gebarens der 'Langhaarigen', die nicht dem Idealtypus von Männlichkeit entsprach.
Bis heute wird ein gesellschaftlich nicht mehr aktzeptieres, antiquiertes Männerbild fortgeführt. Die Rocker sind eine geschlossene Gesellschaft, organisiert in einem sogenannten 'Motorrad Club' mit eigenen 'Colours' (Wappen), festem Regelwerk und eindeutiger Hierarchie. Der Vorsitzende ist der 'Präsi', die Führungskader werden 'Offiziere' genannt. Die Clubs hatten und haben zum Teil auch die Vorstellung von einer Gegenökonomie: Rocker-sein nicht nur als Lebensphilosophie, sondern auch als Teil einer ökonomischen Nischenkultur.
Heute kann im Grunde keiner mehr Rocker werden, weil die Anwartschaftszeiten so lange sind. Die sogenannten 'Prospects', die Anwärter, müssen in vielen MCs drei bis fünf Jahre Dienst in der Gruppe leisten – als 'Mädchen für alles' und am Ende müssen alle im Club einstimmig über die Aufnahme entscheiden.
In Leder gekleidete, wilde Motorradbanden sorgen schon lange nicht mehr für Angst und Schrecken. Die Rebellion der Rocker ist vorbei. Die Szene ist älter und zurückhaltender geworden und widmet sich mehr dem Clubleben. Die Einstellung aber bleibt ein Leben lang: Einmal Rocker, immer Rocker!
Die Knasttränen, die über die Wange unter seinem linken Auge rinnen, trocknen nicht. Die drei untereinander tätowierten Punkte offenbaren, dass er dreimal im Gefängnis saß. "Auf Versand", wie er sagt. Daneben schmückt ein Herz seine Wange. Unter dem anderen Auge ritzte er ein weiteres Herz und einen Anker ein. "Die Tätowierungen sind das Tagebuch meiner Knastzeit", sagt er. Insgesamt acht Jahre verbrachte er in Gefängnissen, wegen Körperverletzung, unerlaubtem Waffenbesitz und Hehlerei. Für jeden Tag, den er absaß, stach er sich einen weiteren Punkt auf seine Arme und Hände. "Mit 19 bin ich das erste Mal für drei Jahre reinmarschiert" erzählt er. Er hatte einem Polizisten mit einer Gaspistole ins Gesicht geschossen. "Das war schon ziemlich hart und ziemlich scheisse", sagt er heute, "doch was ich im Knast erlebt habe, hat mir die Augen geöffnet. Dort herrschte Mord und Totschlag." Irgendwann einmal möchte er ein Buch darüber schreiben. "Ich bin Rocker", sagt Thomas, "einmal Rocker, immer Rocker." Das hätte ihm die Zeit im Gefängnis um einiges erträglicher gemacht, sagt er.
Damals, in den 70er Jahren, traf er dort viele, die sich auch so nannten, so anzogen und so dachten wie er, "auch dort waren wir eine Macht und hielten zusammen". Draußen in der Freiheit, war das genauso. "Rocker for ever, Exi for never" steht links auf seinem Oberarm. Exis waren die Anderen “ die Studenten, die Teds und Roller fahrenden Mods, "eben alle, die gegen uns waren", erklärt der 50-jährige, "und wir hatten viele gegen uns."
Vor dem Kino seiner Heimatstadt Lüneburg begegneten ihm das erste Mal in seinem Leben langhaarige Jugendliche in Leder. Er war zwölf und es lief ein Motorradfilm aus den USA. "Als die sich auf der Leinwand zu prügeln begannen, ging es auch im Kino los", erinnert er sich, "das fand ich richtig geil. Die haben gemacht, was sie wollten, auch noch als die Polizei kam." Auch Thomas wollte sich das Leben ein bisschen aufregender machen. Regelmäßig haute er von zu Hause ab, blieb tagelang verschwunden. Er schlief bei den Rockern in einem alten Wasserturm, wurde deren Maskottchen und "Mädchen für alles". Oft fuhr er per Anhalter nach Hamburg. "Ich wollte immer auf Achse sein, Abenteuer erleben, was Verbotenes tun." Von der Schule flog er mit 15, weil er seinen Klassenlehrer verprügelt hatte. "Der wollte mir eins mit dem Rohrstock geben, da habe ich ihm die Nase gebrochen “ ein Glückstreffer."
Noch am gleichen Tag flog er bei seinen Eltern raus. "Geh zu deinen Rockerfreunden", sagte sein Vater. Er zog auf einen Bauernhof in eine "Rockerkommune", wie er heute sagt. Arnie, der Boss, wurde zu seinem Ersatzvater. Thomas arbeitete auf dem Feld. Stach Rüben. Für einen Morgen gabs fast 100 Mark. Er kaufte sich seine erste Lederhose. Etwas später schenkte ihm die Kommune sein erstes Motorrad. "Das war unbeschreiblich", erzählt er, "die Schultern wurden gleich breiter." Er machte den Führerschein, fühlte sich immer mehr als Mann. Es dauerte nicht lang und er hatte seine ersten Schlägereien. Das gehörte dazu. "Manchmal war das echt ganz witzig", sagt er. Man traf sich, schlug sich und dann wurde zusammen gesoffen. "Das war Volkssport."
Die Kutte mit dem Aufnäher der 'Black Angels' hängt noch heute neben alten Fotos von Rockerfreunden und Motorradpostern an der Wand. "Noch nie gewaschen, seit über 30 Jahren." Zu Beginn der 70er Jahre hatten die 'Blackies' in Hamburg und Lüneburg fast 300 Mitglieder und waren eine der wenigen Rockergruppen. Thomas war Gründungsmitglied. "Heute sind wir nur noch drei von damals", sagt er, "viele sind im Knast gelandet, gestorben oder Normalos geworden." Die 'schwarzen Engel' gibt es schon lange nicht mehr. Auch Bandenboss Arnie, der dafür sorgte, dass Thomas eine Ausbildung als Maurer anfing und abschloss, drehte eines Tages durch. Er erschoss einen Polizisten und dann seine Frau. "Der sitzt noch heute im Knast, lebenslang."
Irgendwann hatte auch Thomas "die Schnauze voll von dem ganzen Rockermist". Schlägereien, Alkohol, Knast “ es war immer das gleiche. Er wollte raus aus der Szene, weg vom Leder. "Ich bin weg aus Lüneburg und nach Hamburg." In der Tasche hatte er die Adresse von Gerhard, einem stadtbekannten Rocker und Musiker, der als "Rocky der Irokese" Konzerte gab und gemeinsam mit Udo Lindenberg und seinem Panikorchester auftrat. Thomas hatte ihn bei einem Auftritt im Gefängnis kennen gelernt. "Als ich rauskam, bot Rocky mir an, bei ihm auf St. Pauli einzuziehen und schickte mir das Geld für das Bahnticket." Rocky und Lindenberg holten ihn vom Altonaer Bahnhof ab. Das war vor 21 Jahren.
Zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen wohnt Thomas heute noch in St. Pauli. "Hier stört sich keiner daran, wie ich mich anziehe", sagt er, "die Leute wissen, dass ich Rocker bin." In anderen Stadtteilen sei das anders, "da gucken viele komisch aus der Wäsche, wenn sie mich sehen". Es gefällt ihm noch immer, komplett in Leder herumzulaufen, sein Kopftuch umzubinden und die Blicke auf sich zu ziehen. "Das hat sich nicht geändert", sagt er, "ich will alles machen, wozu ich Lust habe du mir von niemanden etwas sagen lassen." Zwei Gänge hat er aber trotzdem zurückgeschaltet. Er raucht und trinkt nicht mehr.
Seinen ersten Schlaganfall hatte er vor drei Jahren. Da verlor er am Frühstückstisch das Bewusstsein und knallte mit dem Kopf gegen die Tischkante. Ein Blutgerinnsel im Gehirn blieb als Denkzettel. Und auf einmal war es vorbei mit dem Motorradfahren. Manchmal wird ihm noch immer schwindelig. Auch seine Reaktionen sind langsamer als früher. Genau zweimal versuchte er noch zu fahren. Dann gab er seinen Führerschein ab. "Zu gefährlich." Dreimal wäre er schon fast gestorben. "Da blieb die Pumpe stehen." Er musste wiederbelebt werden. "Jede Minute kann ich weg sein", sagt er und klopft auf Holz. Doch was nicht tötet, das härtet ab. Die drei Motorräder stehen seitdem in der Garage. Eine 750er Honda, eine 125er MZ, Baujahr 1952, und eine 50er Herkules aus den 70er Jahren. "Dort bleiben sie auch", sagt Thomas, "ich kann mich nicht von ihnen trennen."
In einer Kneipe in der Davidstrasse schiebt Mike die Bierflasche auf dem Tisch in eine Formation. Harald und Wolfgang sitzen daneben und lauschen den Worten ihres Vize-Präsidenten. Der 45-jährige erklärt, wie die Anordnung der Maschinen auf den Ausfahrten des Clubs funktioniert. Vorneweg fahren der Präsident und der 'Road Captain', der die Streckenführung ausarbeitet. Dahinter folgen in Zweierreihen die weiteren Mitglieder samt Anhang. Zu guter Letzt kommt das Versorgungsfahrzeug mit Zelten, Getränken und Schlafsäcken. "Bei sovielen Maschinen muss eine gewisse Ordnung herrschen." Die Unfallgefahr sei einfach zu groß. Mike ist der Vize-Präsident eines Motorradclubs in Schleswig-Holstein.
Vor zweieinhalb Jahren gründete man sich als eingetragener MC. Heute sind es insgesamt 20 Leute, die sich regelmäßig in ihrem Clubhaus treffen. In ihrer eignen Welt. Eine Welt, in der das Motorrad über allem steht. "Wir fahren fast alle Harley", erzählt Mike. "Mal eben schnell eintreten, gibt es bei uns nicht." Dafür gibt es Vorschriften, an die sich jeder zu halten hat. Mindestens ein Jahr muss man als Anwärter, als so genannter 'Prospect', bewähren, ehe man ein 'Fullmember' werden kann. "Ein MC ist keine Spielerei, da kannst Du keine Spinner gebrauchen", sagt Mike, "entweder hast du Eier in der Hose oder nicht." Im Ernstfall muss man sich "zu 101 Prozent" auf jemanden verlassen können. "Sonst ist das nicht mein Clubbruder, sondern ein Arschloch." Und die Motorradkutte zeigt jedem, wo er hingehört. "Der Motorradclub ist das erste, das andere läuft nebenher", sagt auch Harald, "wenn du diese Einstellung nicht hast, kannste das vergessen."
"Bei uns im Club kann ich sagen, was ich denke", sagt Mike. Außerhalb, "im normalen Leben", gehe das einfach nicht mehr, da es sonst immer gleich ärger gebe. "Motorrad fahren und zusammenhalten" “ darauf komme es schließlich an. Harald und Wolfgang nicken. "All das, was zum Spaß haben dazu gehört." Doch Spaß haben ist heute schwieriger als früher. "Wenn ich so leben müßte, wie es die Regierung will, wäre ich längst tot", sagt Mike, "auf meinem Ofen bin ich der Chef." Da will er sich auch nicht einschränken lassen oder unterordnen: "Das Wichtigste für einen Rocker ist das Motorradfahren." Seine Harley sei ein Stück von ihm, sagt er, "jedes Teil, das ich umgebaut habe, habe ich für mich gemacht." Es sei aber nicht nur die Harley alleine, "die eine Rocker ausmacht", sagt Harald. "So normale Biker fahren damit doch nur am Wochenende spazieren, wenn die Sonne scheint." Mike und seine Jungs vom MC fahren immer. "Auch wenn es pisst."
Wolfgang bringt 150 Kilo auf die Waage. Am Tisch ist der Einzige mit längeren Haaren. Er hat sie zu einem silbergrauen Zopf gebunden und trägt eine schwarze Kappe, auf der 'Harley Davidson' steht. "Ich bin Rocker for ever", sagt er. Auch wenn sich in den letzten 20 Jahren einiges geändert hat. "In schwarzer Lederjacke und Lederhose mit Kette dran ist schon seit den Achtzigern nicht mehr", erklärt er, "früher war das mehr Rock'n'Roll, mit Elvis-Toll und zwei Dosen Taft im Haar." Diese Mode ist lange vorbei. Genau wie die Rebellion der Gesellschaft gegenüber. "Ich habe gelernt, dass ich mich ein bisschen anpassen muss", sagt Wolfgang, "sonst würde ich damit irgendwann nicht mehr durchkommen und nichts zu beißen mehr haben." Harald sagt: "Früher bist Du in eine Kneipe gegangen, hast Randale gemacht und gesoffen. Heute haben wir unser Clubhaus, wo nur Leute kommen, die man auch einlädt." Sie kapseln sich mehr und mehr ab. Auch auf Schlägereien sind sie nicht mehr aus.
Das war mal anders. "Da haben wir Streit gesucht und waren nicht besser als die Hooligans heut", sagt Wolfgang. Für Worte hatten sie wenig übrig. Wenn sie sich verständlich machen wollten, dann prügelten sie sich. Mittlerweile ist der 57-Jährige ganz froh, wenn es keinen Stress mehr gibt. "Aber wenn ich gebraucht werde, bin ich da", räumt er ein. Er will nicht als gewaltätig gelten, aber unter Rockern werden Auseinandersetzungen gerne intern und ohne Polizei geregelt. "Da gibt es was auf den Kopf und fertig." Provozieren will keiner mehr. "Das ist Geschichte", sagt Mike, "in meinem Alter habe ich keinen Bock mehr, in den Knast zu gehen." Es gab Zeiten, da war ihm das egal, "deswegen habe ich auch gesessen." Nun wolle er sein Leben mit seinen Clubbrüdern genießen. Was nicht heißt, dass es nicht auch mal zur Sache geht. "Wenn uns einer blöd kommt und die Grenze ist erreicht, gibt es was auf die Fresse", stellt Mike klar, "dann wird auch nicht lange gesabbelt."
Kompromisse werden auch sonst nicht gemacht. Frauen als Mitglieder sind tabu. "Wir haben nichts gegen Frauen, die können auch überall mit hinkommen", sagt Wolfgang, "allerdings nicht in Kutte oder zu Besprechungen." Das könnte er mit seiner Mentalität nicht vereinbaren, erklärt er. "Rocker sind Machos und das bleibt auch so."
Hamburg ist Entwicklungsland in Sachen organisierter Motorradfahrer. "Hier gibt es einen MC, des es eigentlich nicht mehr gibt “ und einer ist genug", sagt Martin und meint die 'Hell's Angels', die in Hamburg seit 1983 verboten sind. "Das sagen die, das sagen wir und das sagen auch alle anderen." Nach dem Vereinsverbot der 'Hell's Angels' hat sich die ganze Szene aufgelöst “ es gibt praktisch keine Bikerszene mehr. Aber Ende Juli wird die Hansestadt, zumindest für ein Wochenende, wieder zur Hochburg für Rocker und Biker: Harley Davidson, 1903 von William S. Harley und den Brüdern William, Walter und Arthur Davidson in Milwaukee gegründet, feiert seinen 100-jährigen Geburtstag. 250000 gurgelnde Harley-Motoren samt Fahrer werden erwartet.
Thomas, der Rocker aus St. Pauli, wartet auf was anderes. Wenn er Glück hat, ist das Blutgerinnsel in seinem Kopf in zwei oder drei Jahren verschwunden. Dann will es sich seine Fahrerlaubnis wiederholen und die Motorräder aus der Garage schieben. Gemeinsam mit einigen türkischen Freunden, mit denen er viel über alte Zeiten spricht. "Alle wollen sich bald Maschinen und Lederkutten zulegen. Das lässt mein altes Rockerherz wieder schneller schlagen." Es blitzt hinter den dicken Brillengläsern in seinen Augen. Er denkt an die Straße, den Fahrtwind. Sein Traum ist es, mit "zehn, zwanzig Mann in die Türkei" zu fahren. Da kenne man Motorradrocker noch gar nicht. Und er ist sich sicher: "In Anatolien würden die bestimmt ganz große Augen machen."
Text: Matthias Lotzin und Oliver Lück / Fotos: Cecil Arp
Einleitungstext aus einem Interview mit Titus Simon, Professor an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal mit dem Lehrgebiet Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung, entnommen.
Alles mit freundlicher Genehmigung entnommen aus der 'Viertel nach Fünf', dem eingestellten Stadtteilmagazin vom FC St. Pauli (gekürzte Fassung)




(20 Bewertungen, Durchschnitt: 4.50 von 5)


Tuesday, 18. September 2007
Würden gerne Kontakt zu Thomas oder seinen Mentoren aufnehmen. Den Hintergrund kann ich hier nicht erklären. Nur kurz: bin mit Rockern gross geworden und habe Zeiten ohne sie vebracht. Aber man vergisst nie, wo man herkommt! Letztendlich sind auch bei mir 20 Jahre vergangen und ich bin wieder als women für meinen Mann dabei.
Mehr hier zu erzählen würde strafbar machen.
Wenn Interesse an “Datenaustausch” besteht, kurze mail!
Einladung zu anstehender Party ist gesichert!
Gruss, Meike