Kurzurlaub :: Schweden im Februar
4. March 2005 — Zuletzt bearbeitet: 3. October 2008 | 5424x gelesen
In diesem Bericht über einen fünftägigen Kurzurlaub bei Freunden in Schweden habe ich einige grundsätzliche Informationen zur Reise und deren Kosten, sowie über das Leben in Schweden zusammengefasst. Außerdem gibt es Anregungen zu einem Kurzbesuch in Stockholm.
Nach einer unspektakulären Busfahrt vom Hamburger zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) (8 Euro pro Person einfach) zur Bretterbude nach Blankensee in der Nähe von Lübeck (keine Ahnung, wie irgendjemand auf die Idee kommen konnte, dieses bessere Festzelt Flughafen zu nennen) beginnt unsere Reise im Flugzeug von Ryanair standesgemäß. Wer im Februar nach Schweden will muss eben damit rechnen, dass das Wetter nicht so prickelnd ist. Allerdings hätten wir nicht damit gerechnet, dass die Wetterbedingungen schon in Deutschland für überraschungen sorgen. Jedenfalls ist die Rollbahn während unseres Eincheckens so stark zugeschneit, dass der Pilot auf dem Weg zu eben solcher umdreht und erstmal die Schneepflüge vor schickt, um für startfähige Verhältnisse zu sorgen. Das bringt uns eine halbe Stunde in einem engen und bis fast auf den letzten Platz ausgebuchten Flugzeug.
“Uns” sind übrigens meine liebste Ehefrau Sylvie und ich. Wir sind auf dem Weg nach Schweden, um eine befreundete Katzenliebhaberin zu besuchen. Christina heißt diese Dosenöffnerin und sie ist im Besitz einer unserer ehemaligen Zuchtkatzen – Shining. Der Zielort nennt sich übrigens Valbo. Während unseres 5-tägigen Aufenthalts wollen wir aber nicht nur Katzen und Winter in Schweden erleben, sondern auch Stockholm sehen.
Um kurz vor 18 Uhr kommen wir im dunklen Schweden an. Genau gesagt in Skavsta. So wenig wie der Lübecker Flughafen in der Nähe von Hamburg liegt, so wenig ist die Bezeichnung “Flughafen Stockholm-Skavsta” berechtigt. Wenigstens ist Skavsta ein richtiger – wenn auch überschaubarer – Flughafen. Die Flugdauer beträgt normalerweise eineinviertel Stunden und der Preis variiert ryanairtypisch stark – wir haben etwas über 92 Euro inklusive aller Gebühren und Steuern bezahlt.
Der Pilot hatte vor der Landung das Wetter am Zielort mit dem deutschen Wetter wie folgt verglichen: “maybe there is a little bit more sunshine between the snowshowers”. Dieser Vergleich sollte das Wetter der kommenden Tage sehr genau treffen.
Während wir auf unser Gepäck warten, kaufen wir ein Ticket für den Bustransfer nach Stockholm. Das Ticket kostet pro Person für die einfache Fahrt 130 SEK (schwedische Kronen) und für die Hin- und Rückfahrt 199 SEK (ca. 22 Euro – englischsprachige Infos zum Busunternehmen). Wir nehmen das Retourticket und freuen uns auf eine gut 100km lange Fahrt in einem bequemen Reisebus, der leider etwas kühl ist – anfangs können wir sogar unsere Atemluft sehen…
Wir sind das erste Mal an diesem Abend fasziniert, dass bei einer geschlossenen Schneedecke auf den Strassen das öffentliche Leben nicht völlig zum Erliegen kommt. Die Fahrt dauert ungefähr anderthalb Stunden und endet am Busbahnhof (Cityterminalen) in Stockholm.
Nun heißt es umsteigen in den Zug nach Uppsala, wo wir von Christina abgeholt werden. Die Bahnhofshalle in Stockholm hat ein sehr nettes Ambiente. Hier wartet man gerne. Wir müssen aber erstmal ein Ticket an einem Automaten ordern. Glücklicherweise gibt es eine englische Version und 5 Minuten später haben wir ein Ticket für 49 SEK (ca. 5,4 Euro) pro Person für eine einfache Fahrt. Wieso wir aus den 4 Preiskategorien nur drei auswählen können erschließt sich uns zwar nicht, aber der Preis erscheint für 40 Minuten Fahrt akzeptabel. Alle bisherigen Tickets können vor Ort problemlos mit Kreditkarte bezahlt werden.
Die Zugfahrt ist wieder unspektakulär. Interessant ist, dass an allen Plätzen Mülltüten vorrätig sind. Und die Durchsagen sind auch interessant. Wir wissen nicht so genau, ob die Durchsagen eher dem Japanischen oder den Klingonengebrumme aus der StarTrek Serie/Filme ähneln.
Kurz vor 22 Uhr sind wir dann in Uppsala, wo wir uns erneut über die Strassenverhältnisse und den immer noch nicht kollabierenden Autoverkehr wundern. Mittlerweile hat es nämlich sehr stark zu schneien angefangen, aber wir werden das Gefühl nicht los, dass driften den Schweden besonders viel Spaß macht. Die Temperaturen liegen übrigens im zweistelligen Minusbereich.
Jetzt noch eine zweistündige Autofahrt durch teilweise sehr heftigem Schneetreiben und wir sind am Zielort Valbo – Christinas Heimat – angekommen. Mittlerweile haben wir auch eine Erklärung für den problemlos funktionierenden Autoverkehr von Christina bekommen: “We are used to it.”
Nach einem wärmenden Tee fallen wir ins Bett.
Der nächste Morgen begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein und herrlich blauem Himmel. Wir nutzen das wunderbare Wetter zu einem kleinen Spaziergang im Schnee. Allerdings sind es -7ɰC und die Kälte kriecht dann doch recht schnell durch alle Lagen unserer Kleidung.
Nachdem wir uns drinnen wieder aufgewärmt haben, fahren wir mit dem Bus ins nahegelegenen Shopping-Center, dass natürlich auch sonntags auf hat. Das Ticketsystem für den Bus ist recht interessant in Valbo: eine einfache Pappkarte mit Magnetstreifen wird beim Fahrer in ein Lesegerät gesteckt, dann sagt man dem Fahrer das Ziel und er bucht einen entsprechenden Betrag vom Guthaben der Karte ab. Ein Aufladen ist jederzeit mit beliebigen Geldbeträgen bar beim Fahrer möglich. Auf der Karte wird das aktuelle Guthaben und der Fahrpreis aufgedruckt und im Magnetstreifen für das System gespeichert. Das System hat meines Erachtens viele Vorteile, denn ich behalte die volle Kontrolle über Fahrpreis und Guthaben, ich bezahle nur, wenn ich den öffentlichen Nahverkehr auch wirklich nutze und Schwarzfahren wird praktisch unmöglich gemacht.
Das Shopping-Center ist sehr gut besucht. Die Preise für Lebensmittel und Kleidung sind auf deutschem Niveau. Wir decken uns mit 3kg der hervorragenden Marabou-Schokolade ein. Alkohol ist natürlich teurer als in Deutschland und nur in speziellen Shops erhältlich. Allerdings hätte ich noch höhere Preise erwartet. Ein gutes Bier bekommt man für umgerechnet 1,25 Euro pro Flasche (0,5l). Man kann aber auch 2 Euro für eine Flasche Erdinger Weißbier ausgeben. Wohlgemerkt in einem Shop. Was die Getränke in einer Kneipe kosten haben wir nicht in Erfahrung gebracht.
übrigens wird man in jedem Geschäft mit einem freundlichen “Hej” begrüßt. Das ist sicherlich eins der leichteren Worte der schwedischen Sprache. Allerdings sollte man nicht zu leicht den Fehler begehen und den Laden ebenfalls mit “Hej” betreten. Mir ist es nämlich mehrmals passiert, dass ich dann gleich auf schwedisch zugetextet wurde und nur leicht betreten mein Nichtverständnis eingestehen konnte. Ich habe deswegen recht schnell schon beim Betreten des Geschäftes durch ein englisches “Hello” zugegeben, dass ich ortsfremd und sprachunkundig bin. Das erleichtert die Kommunikation erheblich. Mit Englisch kommt in Schweden sehr weit. Selbst auf dem Land und in nicht durch Tourismus “verwöhnten” Kommunikationssituationen ist englisch überhaupt kein Problem. Deswegen kann man sich natürlich trotzdem mit einem freundlichen “Tack” bedanken.
Manche Worte kann man in schwedisch gut lesen, wenn man sich über die Aussprache klar ist: å ist O, O ist U und U ist ü – alles klar? Natürlich gibt es noch viele weitere Regeln, aber dieser Ringtausch ist schon mal ganz hilfreich. Manche Worte sind dann aber wieder soweit von der deutschen Sprache weg, dass auch raten nix hilft.
Wir haben uns einen Abend mit Christina über die schwedische Sprache unterhalten und Redewendungen miteinander verglichen. Dabei haben wir dann amüsiert festgestellt, dass die Schweden Feinschmecker sind. Das Deutsche “öl ins Feuer gießen” heißt auf schwedisch “Zwiebeln auf den Lachs legen” (lägga lök på laxen). Ein einfaches Wörterbuch gibt es hier online.
Am nächsten Morgen geht es früh raus, denn wir fahren nach Stockholm. Bei -15ɰC warten wir glücklicherweise nicht lange auf den Bus. Der sogenannte Shoppingbus fährt von Valbo nach Stockholm für 200 SEK (22 Euro) pro Person für Hin- und Rückfahrt. Die einfache Fahrt kostet 120 SEK. 22 Euro für rund 180km (einfache Richtung) sind nun wirklich nicht viel Geld in einem modernen Reisebus inklusive funktionierender Toilette. (Das ist umso bemerkenswerter, weil meine Erfahrung mit den stets empfehlenswerten Fanladen-St.Pauli-Tours lehren, dass die Bustoiletten in Deutschland auch bei Plusgeraden merkwürdigerweise oftmals eingefroren sind – zumindest, wenn man den Busfahrern glaubt.)
Leider hatten wir uns vorher nicht über den Reisepreis kundig gemacht und ausnahmsweise kann man hier mal nicht mit Kreditkarte zahlen. Jedenfalls haben wir zu wenig Geld dabei – nur die Hälfte des zu zahlenden Betrags. Aber mit freundlichen Busfahrern ist das natürlich kein Problem: wir versprechen dem Busfahrer, dass wir die andere Hälfte bei der Rückfahrt bezahlen. Mit einem lächelnden “if you aren’t on the bus this evening I have to kill you” läßt sich der Busfahrer auf den Deal ein. Ohne Quittungen, ohne Sicherheiten, ohne Schwedischkenntnisse – ich weiß nicht, ob das in Deutschland so problemlos gegangen wäre…
übrigens ist es absolut ratsam den Busplatz entsprechend vorher zu reservieren, denn die Busse sind stets sehr gut besetzt. Und sie fahren pünktlich – egal bei welchem Wetter.
Die Fahrt dauert ungefähr zweieinhalb Stunden und endet an den Cityterminalen mitten in Stockholm.
Wir gehen nach Gamla Stan, der naheliegenden Altstadt. Vermutlich wie viele Touris, aber um diese Jahreszeit fällt das nicht so auf. Gamla Stan ist eine sehr schöne Insel mit sehr vielen kleinen Sträßchen und freundlichen Häusern in gelb, grün und rot und sehr vielen kleinen Lädchen. Die Souvenirshops kann man natürlich vermeiden, denn hier gibt es den üblichen Kram, nur viel teurer als in anderen Ort des Landes. Absolute Empfehlung gilt allerdings einem kleinen Schokoladenlädchen in der Västerlånggatan, der Hauptstrasse und Fußgängerzone von Gamla Stan. Hier gibt es die wunderbare schwedische Schokolade in Perfektion, Trüffel in allen erdenklichen Variationen und weitere Leckereien mit 60% Kakao und mehr.
Ebenfalls in Gamla Stan ist das Königsschloss, dass außer an Montagen besichtigt werden kann. Von der Rückseite des Schlosses (Slottsbacken) hat man einen wunderbaren Blick auf den Saltsjön, der in die Ostsee mündet.
Egal wo man sich auf der Insel befindet, immer wieder hat man Storkyrkan (die Große Kirche) im Blick. Diese Domkirche ist ein Besuch wert – und wir sind nun wirklich keine Kirchgänger. Sie ist die älteste Kirche der Stadt und der Eintritt ist frei. Die Inneneinrichtung der Kirche ist eine Pracht aus Gold, Silber und Kunstgegenständen. Neben dem Gewölbe aus dem 15.Jahrhundert, die vergoldete Loge des Königs und die verzierte Kanzel gibt es in der Kirche unschätzbare Kunstwerke zu sehen: die Skulptur von St.Göran (St.Georg) mit dem Drachen, ein Werk nordischer Spätgotik, geschnitzt vom Lübecker Bildhauer Bernt Notke 1489 aus verschiedenen Materialien, darunter auch Elchgeweihe und Eiche ist sehr imposant. Außerdem findet man dort die Vädersolstavlan, die älteste Ansicht der Stadt Stockholm.
Die Stadt selbst ist eine Reise wert. Direkt am Meer gelegen, bestehend aus dutzenden von Inseln, mit gleichfalls kleinen Bergen ist der Blick stets abwechslungsreich. Die Häuser sind oftmals in freundlichen Farben gehalten und haben unterschiedlichste Formen. Durch die Schneepracht hatten wir manchmal das Gefühl wir wären in der Schweiz, aber mit Meerblick. Manchmal wird ja Hamburg als Venedig des Nordens bezeichnet, weil die Stadt auf Holzpfählen steht. Das gilt allerdings auch für Stockholm und da diese Stadt weiter nördlich und noch schöner als Hamburg ist, sollte der Titel nochmal überdacht werden.
Wieder bei Christina in Valbo angekommen, lernen wir eine weitere typische Besonderheit Schwedens kennen: Selbstangesetztes! Offensichtlich stimmt das stereotype Bild, das man als Deutscher von Skandinaviern hat. Jedenfalls steht auf Christinas Küchenschrank eine Armada von Flaschen mit selbstangesetzten Likören unterschiedlichster Geschmacksrichtungen. Wir bekommen in jeweils frischen Gläsern einige Schlucke eingeschenkt und sollen die Frucht rausschmecken. Von übersetzungsproblemen mal abgesehen (Wer kennt schon die ganzen Früchte mit englischem Namen? Ich bin jedenfalls schon froh, wenn ich die deutschen Namen kenne) schlagen wir uns ganz gut. Eine Stunde später sind wir und der Küchentisch voll und gehen ins Bett.
Am nächsten Tag besuchen wir Rose, eine weitere befreundete Katzenzüchterin. Dort erfahren wir, dass Schweden offensichtlich das Land der “Pies” ist. Ich weiß leider nicht den schwedischen Namen für diese Kuchen, aber es gibt sie in allen möglichen Geschmacksrichtungen und sind immer lecker. Die herzhafte Variante hat allerdings mit Kuchen nicht allzu viel gemein – sie ist eher mit einer Quiche verwandt.
Später am Tag unterhalten wir uns mit Christina über ihre Arbeit. Sie ist nämlich Lehrerin an einem Gymnasium in Gävle. Da die PISA Studie ja in aller Munde ist und skandinavische Länder in der Regel besser als das deutsche Schulsystem abschneiden, nehme ich einige interessante Aspekte mit. In Schweden dauert die “Grundschule” neun Jahre lang. Danach geht es in weiterführende Schulen. Christina ist nun in dem Gymnasium eine Lehrerin mit besonderen Aufgaben: sie betreut eine Klasse von Schülern, die am Asperger-Syndrom leiden. Mir ist keine Schule in Deutschland bekannt, die Schüler mit dieser leichten Form von Autismus in den normalen Schulalltag integriert. Da die Schüler oftmals über eine besonders hohe Intelligenz verfügt, sind sie an einem Gymnasium absolut richtig aufgehoben. Und der Umgang mit “normalen” Schülern macht es den Asperger-Syndrom-Schülern sicherlich leichter sich später im Berufsleben zurecht zu finden.
Viel zu schnell sind die 5 Tage rumgegangen und wir müssen schon Abschied nehmen. Zurück geht es am nächsten Tag wieder mit dem Shoppingbus, dem Flughafenbus, dem Flugzeug und nochmal dem Bus nach Hamburg. Die Reise hat sich trotz der tiefen Temperaturen absolut gelohnt. Schweden ist ein interessantes Land mit freundlichen Leuten, schönen Gebäuden, sehr viel Natur, leckerer Schokolade und anregenden Aspekten für den Alltag. Die Reise mit Ryanair kostet inklusiver der Bustransfers von Hamburg nach Stockholm mit Glück unter 130 Euro. Die Lebenshaltungskosten in Schweden halten sich ungefähr auf deutschem Niveau, wenn man Alkohol und Nikotin (das Rauchen ist in Restaurants, Kneipen, etc außerhalb spezieller Zonen eh verboten) meidet. Fazit: Hinfahren!




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Tuesday, 3. October 2006
Hallo!
Habe mit Interesse den kleinen Reisebericht nach Valbo verfolgt, er hat mir gut gefallen! Ich war selbst kürzlich für 2 Monate in Stockholm untergebracht und hatte dort ein Auslandspraktikum zu absolvieren. Was mir in Stockholm auch besonders gefallen hat, war die Gastfreundlichkeit und Höflichkeit der Schweden. Bei der Arbeit war es bemerkenswert wie kollegial alle miteinander umgingen; das Duzen war auch beim Chef völlig normal!
Vielleicht ergibt sich ja im Sommer nochmal die Möglichkeit Schweden zu besuchen, wenn es nicht mehr ganz so kalt ist und die Sonnenscheindauer bis 23 Uhr dauert…
Med vänlig hälsning,
Patrick