Renntraining :: Mein erster Besuch in Peenemünde
9. August 2005 — Zuletzt bearbeitet: 16. October 2006 | 3494x gelesen
Das erste Augustwochenende sollte der Racingvirus mal wieder gefüttert werden. Doch das Wochenende stand unter keinem guten Stern: 10 Tage vorher erwischte mich ein übler Hexenschuss, 4 Tage vorher wollte die radiale Bremspumpe nicht mehr zuverlüssig arbeiten, am Vorabend erwischte mich eine Erkältung und die Wettervorhersage empfahl warme und regendichte Kleidung. Es wurde aber trotz allem ein tolles und lehrreiches Wochenende.
Mit Tordi und Michi aus dem T5net-Forum machte ich mich am Freitagvormittag bei Nieselregen auf den Weg Richtung Usedom. Der Initiator dieses Wochenendes Frank fuhr mit seiner Frau im Auto. Frank war letztes Jahr schon in Peenemünde und hatte positiv berichtet. Für mich die gute Gelegenheit diese Strecke mal kennen zu lernen und für Tordi und Michi der erste Besuch einer Rennstrecke überhaupt.
In Peenemünde existiert an geschichtsträchtiger Stelle auf dem Gelände des Flughafens eine Trainingsstrecke. (Dort kann man heute nur noch übern den PMV fahren, was aber auch nicht verkehrt ist.) Der Betrag für ein Wochenende hat so ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis, dass ich mit einigen "gaskrankenâ€, die ohne Verluste den Rundenrekord brechen wollen, gerechnet habe. Der Belag der Fahrbahn sind alte Betonplatten mit Bitumen in den Fugen. Das klingt so wenig vertrauenserweckend, dass ich mit wenig Fahrspaß gerechnet habe. Das Streckenlayout wirkt auch nicht gerade besonders anspruchsvoll…
Tja, nichts von meinen Befürchtungen hat sich bewahrheitet.
Als Tordi, Michi und ich Freitagabend um 18 Uhr am Veranstaltungsort ankamen, war der zur Strecke gehörende Campingplatz schon sehr gut besucht. Rechts und links standen zwischen Rasen und orangefarbener Linie auf einer schmalen Strasse viele bunte Bikes, die schon das typische Feeling eines Rennwochenendes versprühten. Wir meldeten uns im Anmeldezelt an. Eine sympathische Frau erklärte jedem geduldig Wichtiges zum Ablauf des Wochenendes und ging auf individuelle Fragen ein. Ich bekam für 10 Euro einen Transponder, der mir die Möglichkeit bot, meine Rundenzeit halbtäglich zu kontrollieren. Gebucht haben wir alle das geführte Fahren. Für Leute mit Transponder wurde die Möglichkeit an einer Vergleichsfahrt teilzunehmen in Aussicht gestellt – freiwillig natürlich.
Nach dem Einchecken fragten wir beim Platzwart nach unserem reservierten Campingwagen, der angesichts der Wetterlage und –vorhersage eine gute Investition war. Der Wage mit Platz für drei Personen kostete gerade mal 80 Euro – inklusive Strom, Toilette und Dusche für das ganze Wochenende. Frank wollte mit seiner Frau lieber im Zelt schlafen.
Toilette und Dusche nutzen wir allerdings nicht, weil wir die hätten wieder sauber hinterlassen müssen und außerdem eh direkt an den Toiletten und Duschen des Platzes standen. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, haben wir unsere Bikes fertig gemacht – Spiegel abmontiert; Lampen und Blinker abgeklebt; Flüssigkeiten kontrolliert; – und dann unsere Ladys zur technischen Abnahme gefahren.
Ich hatte wegen der Lautstärkeprüfung etwas unbehagen, wollte es aber unbedingt ohne dB-Eater probieren – wenigstens probieren. Ich wurde aufgefordert bis 5500 zu drehen und näherte mich laaaangsam dieser Zahl, als der Prüfer von hinten plötzlich rief: "Stopp, reicht – 93db! Alles klar.†Warum ich mich in diesem Augenblick nicht beschwert habe, dass mein Akrapovic doch viel lauter sein müsste, ist mir entfallen…
Der Rest der Prüfung war aber überraschend gründlich. Es wurden sogar die Fahrwerkseinstellungen überprüft. An meinem Motorblock hing ein Tropfen Öl, der mir nützliche Tipps brachte, wie ich den Öleinflusstopfen dicht bekomme und eine Vorladung für den nächsten Tag zur Kontrolle. Michi und Tordi bekamen Tipps für den korrekten Reifenluftdruck, der nur wenig gegenüber dem Normalzustand herabgesetzt werden muß.
Nach dem das alles überstanden war, gingen wir ins Essenszelt, wo extra für uns der Grill noch mal angeschmissen wurde. Mittlerweile war es 21 Uhr geworden.
Während Frühstück und Kaffee im Preis inbegriffen sind, müssen mittags und abends die Mahlzeiten bezahlt werden. Die Preise sind allerdings absolut human: eine Wurst kostet ein Euro, ein Steak zwei Euro – die Beilagen (Kartoffelsalat, Tzatziki und Toastbrot) sind im Preis inbegriffen.
Ich fände es zwar sinnvoller, wenn statt des Kaffees einfaches Wasser im Preis inbegriffen wäre, aber bei einem Halbliterpreis von 50 Eurocent ist das nicht wirklich ein Ärgernis.
Nachdem uns die Stechmücken aus dem benachbarten Feuchtbiotop fast ausgesaugt hatten, zogen wir uns in den Wohnwagen zurück. Und wenig später schliefen wir mit dem leisen Klopfen des Regens auf dem Dach unserer Behausung ein.
Der Morgen begrüßte uns mit Wolken und blauen Stellen am Himmel. Für die Jahreszeit zu kalt, aber trocken! Nach einem ausgiebigen Frühstück, gab es um 8:30 Uhr die Fahrerbesprechung mit Gruppeneinteilung. Ich gesellte mich zu drei Kawafahrern aus Hamburg mit ZX-9 und ZX-10 als Kampfgerät und erfuhr, dass die drei schon das zweite Mal da waren. Als Streckenneuling hatte ich das Vergnügen den kompletten ersten Turn hinter unserem Instruktor Heinz – mit 900er Hornet – zu fahren.
Ich schaute mir noch kurz die Gruppe an, die freies Fahren gebucht hatte und machte mich trackfertig. Die Fahrzeiten sind so geregelt, dass die freie Gruppe 40 Minuten die Strecke für sich hat. Allerdings dürfen immer nur 18 Leute gleichzeitig auf die Strecke. Danach dürfen die Instruktorgeführten 20 Minuten auf die Strecke. In Kleinstgruppen von 4 bis 5 Leuten wird die Strecke befahren. Die Gruppeneinteilung hat sehr gut funktioniert. Überholt wird grundsätzlich nur auf der Start-Ziel-Geraden. Alles verlief während der gesamten Zeit sehr diszipliniert – auf vereinzelte Ausnahmen wurde von Seiten der Instruktoren gleich höflich aber bestimmt eingegangen.
Um 9:40 Uhr war es dann so weit: Erstbefahrung!
Die Strecke entpuppte sich sofort als interessant. Der Beton hat einen sehr guten Gripp und der Bitumen stört kaum. Nur vor der Zuschauerkurve sind zwei Flecken, die man vermeiden sollte. Passiert ist dort aber auf Grund der niedrigen Geschwindigkeit überhaupt nichts. Vertrauen hatte ich also schnell aufgebaut. Das scheinbar langweilige Layout hat sehr interessante Tücken, die sehr schnell als ebensolche zu erkennen sind. Mein Ehrgeiz war sofort entflammt. Die Tücken sind überschaubar und das machte zumindest für mich den Reiz aus.
Nach dem ersten Turn waren die drei Kawafahrer mit dem Tempo zufrieden und so langsam waren wir fürs Erste auch gar nicht. (Leider haben wir unser Tempo nicht so stark steigern können wie andere Gruppen, was unterschiedliche Gründe hatte.) Ich bin mit Heinz an den Streckenplan gegangen und habe ihm meine Schwierigkeiten mit der Strecke gesagt. Heinz gab mir sehr wertvolle Tipps, die ich beim nächsten Turn umsetzen konnte.
Ich bin ja per se nicht wirklich schnell. Viele Besuche mit ähnlich motorisierten Freunden haben mir das gezeigt. Bis jetzt konnte ich nie so genau feststellen, woran das liegt. Das Wochenende in Peenemünde hat mich nun um einige Erfahrungen reicher gemacht. Das Positive zuerst: ich war ja das erste Mal mit einer vertrauten und motormäßig prima laufenden Daytona auf dem Racetrack und siehe da – auf der Geraden konnte ich ganz gut mithalten.
Meine fahrerischen Probleme liegen an zu langsamen Bewegungen, an Koordinationsschwierigkeiten und an zu viel Angst die Kiste wegzuwerfen. Letzteres ließ sich vermutlich noch am Einfachsten beheben – wenn das Motorrad nicht mein einziges Fortbewegungsmittel wäre. Und noch was habe ich gelernt: Motorrad fahren lernt man nicht auf der Landstrasse. Die ist gut, um fahrerische Ausdauer zu erlernen oder die schöne Landschaft zu geniessen, aber aktives Mopped fahren ist eben doch was anderes…
Meine langsamen Bewegungen sind in Peenemünde tödlich, weil es einige schnelle Rechts-links-Wechsel gibt. Die mangelnde Koordination behindert mich in der Schikane nach Start-Ziel, denn dort ist eigentlich Bremsen, Schalten und Mopped umlegen gleichzeitig angesagt. Das Schalten habe ich mir dann einfach gekniffen, aber dann fällt wegen meiner Unbeweglichkeit der Drehzahlmesser zu tief, so dass zu wenig Leistung die Daytona nach vorne puscht.
Schwierig in Peenemünde ist auch, dass es kaum Anhaltspunkte für die richtige Blickführung gibt. Wenigstens ist der ein oder andere Bitumenfleck als Abknickpunkt wertvoll.
Ein zusätzliches Bonbon an der Strecke ist, dass man eine saubere Linie fahren muss, denn abseits der richtigen Linie sind doch deutlich mehr Fahrbahnunebenheiten vorhanden. Das bringt nur unnötige Unruhe ins Fahrwerk.
Da die längste Gerade gerade mal knapp über 500m lang ist, nutzt reine Motorpower auch nicht so viel. Trotzdem ist die Strecke eher schnell. Selbst ich habe ja eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 110km/h erreicht.
Knieschleifer nutzen bei den vorhandenen Absätzen zwischen den Betonplatten auch eher nichts…
Bei der nachmittäglichen Vergleichsfahrt bei der jeder mit Transponder freiwillig mitfahren kann, habe ich dann meine schnellste Runde hinbekommen. Mit einer hohen 1:14er Zeit ist das aber nicht wirklich schnell. Immerhin haben mich nicht alle zehn Mitstreiter überrundet. Und einige Zuschauer meinten, dass ich wenigstens der Lauteste gewesen wäre…
Egal, Spaß habe ich jede Menge gehabt und beim Start ja auch gleich mal vier Plätze gut gemacht.
Fazit: eine tolle Strecke an der ich mich abarbeiten kann.
Und passiert ist eigentlich auch nichts. OK, der Kawafahrer in meiner Gruppe, der in der Zuschauerkurve zu früh am Gas war, musste sich Gedanken um seine Fußrastenbefestigung machen. Ich war glücklicherweise langsam genug, dass ich den direkt vor mir stürzenden nicht überfahren musste nur um seiner Maschine auszuweichen.
Eine sich selbst überschätzende Pinnebergerin hat mindestens ein halbes dutzend Mal ihr fahrerisches Vermögen überschätzt und auch ihr ist nichts passiert. Weite Auslaufflächen, die meistens aus Gras bestehen, ermöglichen Ausritte ohne Sturz zu erleben.
Einzig einer der Instruktoren hat es bei der "kleinen†Vergleichsfahrt (bis 636ccm) etwas übertrieben, das Mopped leicht geschrottet und hat sich seine Schulter gebrochen und Teile seines Gedächtnisses in den Asphalt gedrückt. Ich wünsche dem netten Menschen auf diesem Weg gute und baldige Genesung. Aber: that@s racing.
Insgesamt sehr positiv fand ich das familiäre Ambiente der ganzen Veranstaltung. Ich bin selten mit so vielen anderen Fahrern ins Gespräch gekommen. Abends saßen wir am Lagerfeuer zusammen und zwei Kisten Freibier gab@s auch noch.
Selbst beim Rennen hatte keiner ein Messer zwischen den Zähnen. Alle Überholmanöver gingen auch während dem Rest der Veranstaltung problemlos und mit gebührendem Abstand vonstatten.
Einzig die Tanksituation ist nicht optimal gelöst: an der Strecke selbst ist nur Betankung mittels mitgebrachter Kanister möglich. Das ist für Leute, die mit dem Motorrad anreisen, nicht so einfach zu lösen.
Tordi und Michi waren ja das erste Mal auf der Rennstrecke und auch fast nicht mehr von der Piste zu bekommen. Am Schluss fuhren die beiden auch 1:20er Zeiten. Viel mehr wäre mit deren Z6-Reifen auch nicht drin gewesen. Das Reifenbild zeigte deutlich die Schmierspuren.
Der schnellste Triumphfahrer des Wochenendes war Frank, der im mittleren bis oberen 60er Bereich fuhr. Zum Rundenrekord von knapp unter einer Minute fehlt da nicht mehr viel.
Da wir noch einen weiten Weg zurück nach Hamburg hatten, nutzen wir die Mittagspause zum Ab- und Umbauen. Nach einer letzten Wurst verließen wir das Gelände nach 2 Tagen Sonnenschein, um nach 5km in den Regen zu kommen…
(Alle Bilder dieser Seite werden beim Anklicken vergrößert dargestellt. Alle Bilder des Wochenendes gibt es in meiner Galerie)




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Wednesday, 4. October 2006
Moin Stefan, sehr nett und Ausführlich geschrieben.
Es war ein super Wochenende mit praktischen Erfahrungen die man
auf der Landstrasse nicht lernen kann.
Das Schreit im nächsten Jahr nach wiederholung.
Gruß Michi
Wednesday, 4. October 2006
Zitat: “Einzig einer der Instruktoren hat es bei der „kleinen†Vergleichsfahrt (bis 636ccm) etwas übertrieben und hat sich seine Schulter gebrochen und Teile seines Gedächtnisses in den Asphalt gedrückt”
Also der Thomas ( Intruktor ) hat sich nichts gebrochen! Hat aber ne Gehirnerschütterung!
Gruß Roy #1
Wednesday, 4. October 2006
netter bericht !
genau so erging es mir auch beim ersten mal in peene.
noch heute sind die leute dort sehr viel entspannter als auf anderen strecken.
das liegt zum einen sicher an den zur verfügung stehenden 2 tagen,
aber sicherlich auch am “team” das da werkelt.
gruß eines sportbikers,
sascha