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Motorradzeitschriften :: “Der Reitwagen”

3. September 2005 — Zuletzt bearbeitet: 6. October 2006 | 4260x gelesen

Keinen Bock mehr auf kalte technische Details eingepfercht in 1000 Punktetabellen und die hunderste Grafik über den Bremsverlauf einer ABS-Maschine über einen nassen Gullideckel? Die Zeitschrift “Der Reitwagen” hat verstanden worum es beim Moppedfahren geht – um Emotionen und Spaß!

Deutsche Motorradzeitschriften lese ich schon lange nicht mehr. Mich öden die Pressemitteilungen – die oftmals 1:1 von den Herstellern übernommen werden – an. Die Berichte, die niemals den Anzeigenkunden verprellen dürfen, müssen nach brauchbaren Informationen über Schwächen der vorgestellten Bikes dechiffriert werden, als ob man ein Zeugnis des Arbeitgebers vorliegen hätte. 1000 Punkte Tabellen und duzende von Kurven und Grafiken verwirren zusätzlich, denn was nutzt mir die Information, dass dieses eine geteste Bike 5NM mehr bei der Drehzahl x auf den Prüfstand bringt als das Konkurrenzbike, wenn ich als Normalfahrer das vermutlich eh nicht spüre und das Bike, was ich im Laden kaufen werde sowieso einen anderen Drehmomentverlauf hat – die Serienstreuung schlägt eh unerbärmlich zu und die Hersteller prüfen vor der Lieferung an die Zeitschriften auf dem Prüfstand den Leistungszustand der Motorräder.

Eine Redaktion in österreich macht es anders: sie vermitteln die Emotionen und den Spaß, den man beim Motorradfahren haben kann. Und vergisst die Informationen trotzdem nicht.
Das beginnt mit dem völlig anderen Konzept, dass die Redakteure Namen und Vorlieben haben, zu denen sie stehen und die der Leser erkennen kann.
Das führt dann schon mal zu Leserbriefen, wo Leser bei Kreisverkehren Kiesbette als Sturzräume verlangen. Oder die Frau, die für das Handy ihres Mannes nach Kilogixxersounds als Klingelton fragt und die Antwort, die erstmal über die Duelle in der Redaktion berichtet die entstehen, wenn der Ninjaklingelton dazu führt, der andere Redakteure nervös nach dem Zündschlüssel nesteln und in die Garage hetzen, weil sie sonst befürchten hergebrannt zu werden.
Und beim Bericht über die “Erstbefahrung” der neuen ER-6n wird erstmal über Petrus und das grausige Regenwetter bei der Präsentation gejammert (”Keine Ahnung ob sie im Himmel Motorräder haben, aber wenn, dann muß Petrus ein fahrtechnisches Nackerbatzl sein, der es nicht aushält, wenn eine ganze Engelsmeute ihn schwer herbrennt”), um den Bericht mit einem versöhnlichen Kommentar zu schliessen: “Sollte Petrus statt der neuen Einbauküche die Kawa kaufen, ist die Chance sehr groß, dass der nächste Sommer richtig schön wird”.
Bei der Lust am Lesen wegen des amüsanten Schreibstils bleibt die Information aber nicht auf der Strecke. Nur wird hier neben den Informationen Platz für Emotionen und Gefühle gelassen.
So beeindruckte mich ein Bericht über das vermeintliche Versagen eines ABS-Regelkreises mehr als alle bisher gesehenen Grafiken deutscher Zeitschriften. Einem Reitwagen-Redakteur war auf nasser und bitumenbefleckter Strasse bei einer Vollbremsung das ABS-gesteuerte Vorderrad leicht weggeschmiert und der Redakteur hat schnell die Bremse aufgemacht, um einem Sturz zu umgehen. Nach dieser Erfahrung hat er eine abgesperrte Teststrecke aufgesucht, um dieses Verhalten näher zu studieren. Und siehe da: das Vorderrad hat nachvollziehbar bei Vollbremsung ein leichtes Einknickverhalten angezeigt, aber der Regelkreis hat schnell genug reagiert, dass es nicht zum Sturz kommen konnte. Die Reaktion des Redakteurs beim ersten Vollbremsversuch war also unnötig. Die minutiöse Darstellung von den Vorgängen macht wesentlich besser deutlich, dass man auch ABS-Bremsungen üben muß und dass ABS-Regelkreise unterschiedlich agieren, als alle ABS-Datalogging-Aufzeichnungen bekannter deutscher Zeitschriften, die einen mehr oder minder schweren Ausschlag der Bremsregelkräfte nach unten beim überfahren von Gullideckeln oder Bitumenflecken zeigen. Denn nun weiß ich, was der Linienausschlag des Dataloggings wirklich bedeutet (bzw. bedeuten kann). Das hilft mir wesentlich mehr.
In einem Vergleichstest zwischen 125er 2-Takt-Crosser und 250er 4-Takt-Crossern bringt der Autor es auf den Punkt: “Absolute Topfahrer sind auf der 125er mit Sicherheit nicht abzuhängen. Aber die Summe der vielen kleinen Fehler, die sich in jeder Runde einschleichen, werden von dem kleinen Zweitakter nicht weggesteckt. Die 125er zeigt Dir genau, was Du im Training wert bist. Der Viertackter deckt die meisten Fahrfehler wie von selbst zu. Wundert mich nicht, dass viele Hobby-Racer zu den Viertaktern flüchten. Du mußt dafür einfach nicht so gut und so hart vorbereitet sein.” Der komplette 2-seitige Vergleichsbericht kommt mit einer Vergleichszahl aus: mindestens 2 Sekunden ist man mit der 250er pro Runde schneller als mit der 125er. Irgendwelche Leistungskurven sucht man vergeblich.
Die Beispiele lassen auch schon die Bandbreite des Magazins erahnen: Crosser, Supermoto, Chopper, Nackte und Racer – alles kommt zu Wort. Und Reiseberichte gibt es auch. Zum Beispiel über die Tour zweier Harleyfahrer, bei der einem 2000km vor der Heimat durch einen Sturz ein Mittelhandknochen der rechten Hand bricht, und die ihre Reise trotzdem fortsetzen: mit festgestelltem Gasgriff und oftmals freihändig…

OK, der Schreibstil ist vielleicht nichts für den gesetzen BMW-Fahrer, der mit seiner Schrankwand die Kurven zuparkt und der Glatteiswarnung seines Bordcomputers vertraut, aber der kann ja bei der Verkündungspresse Deutschlands bleiben. Alle anderen – sofern sie noch Spaß beim Moppedfahrn haben – sollten sich um ein (Mini-)Abo des “Reitwagen”s bemühen. Kontaktdaten findet man auf der stärksten Webseite oder direkt bei Frau Stockinger. Die 10 Hefte eines Jahrgangs kosten übrigens 29.50 Euro und sind damit günstiger als vergleichbare deutsche Druckerzeugnisse.

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Kategorie: Motorrad

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3 Kommentare

  1. habt ihr eigentlich schon gemerkt dass wir bereits 2008 schreiben?
    was wollt ihr mit dem alten geraffel?
    gibt´s nix neues ?

  2. 2
    fraa batz 
    Sunday, 19. October 2008

    —dass wir bereits 2008 schreiben?—-

    Klaro, bin ja nicht blöd

    —–was wollt ihr mit dem alten geraffel?—–

    FAHREN, was sonst?

    —–gibt´s nix neues ?—–

    Sicher doch, aber wer braucht den scheiß?

  3. 3
    goetterdaemmerung 
    Tuesday, 28. April 2009

    was wuerdet ihr ohne BMW blos schreiben?bleibts doch bei euren sauren Orangen.schwachkoepfe wuerden Reitwagen kaufen.

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