Fragwürdiger Polizeieinsatz
30. November 2006 — Zuletzt bearbeitet: 13. January 2007 | 10808x gelesen
Grundsätzlich habe ich mit Polizisten überwiegend positive Erfahrungen gemacht. Allerdings scheinen im Rahmen von Fussballspielen die Einsatzleiter gerne mal über das Ziel hinauszuschiessen. Über den Trend Fans zu kriminalisieren, habe ich hier schon öfter geschrieben. Diesmal ist es zu einem unglaublich dreisten Übergriff der Polizei in Hamburg gekommen, der einem den Atem verschlägt. Würden normale Bürger so agieren, wäre es Hausfriedensbruch.
Da schon nicht mal die Presse diesen Skandal aufgeriffen hat, dokumentiere ich hier zwei Stellungnahmen, damit sich jeder Leser ein Bild der Aktion machen kann.
Zunächst die Stellungnahme einer grossen Fangruppierung – USP!
Angriff auf den Fanladen – gemeint sind wir alle!
Am Freitag, 17. November, kam es zu einem in dieser Dimension nicht vorher da gewesenen Angriff auf den von USP organisierten Marsch und Besucher des Fanladens. Des Weiteren wurde die Unantastbarkeit der Institution Fanladen massiv mit Füßen getreten. Um eine genaue Übersicht zum Ablauf des Abends zu geben, wollen wir nachfolgend das Ganze chronologisch auflisten um die Tragweite der Vorfälle aufzuzeigen:
Um eine Eskalation mit den zahlreich anwesenden und schon vor dem Spiel negativ aufgefallenen Gästefans sowie der Polizei zu vermeiden, blieb Ultra Sankt Pauli nach dem Spiel noch eine dreiviertel Stunde länger am Stadion. Somit sollte gewährleistet sein, dass die misslungene Taktik der Polizei aus den letzten Wochen nicht erneut dazu führt, dass Heim- und Gästefans auf der Budapester Straße aufeinander treffen und es zu Eskalationen zwischen den verschiedenen Fangruppen kommt. Als sich der Marsch mit großer zeitlicher Verzögerung in Bewegung setzte, waren sämtliche Erfurter schon auf dem Kiez oder in den S- und U-Bahnen bzw. in ihren Bussen. Dies konnte aus verschiedensten Gesprächen der Polizeibeamten untereinander entnommen werden.
Nichts desto trotz wurde die Budapester Straße von zwei transportablen Flutlichtmasten erhellt, an beiden Seiten standen Wasserwerfer und von Beginn an wurde die ca. 300 Personen große Gruppe von einem zweireihigen, doppelseitigen Spalier begleitet.
An der Kreuzung Detlef-Bremer- und Clemens-Schultz-Straße, direkt vor der Kneipe "Café Miller", gab es eine Streitigkeit zwischen herumstehenden Personen und einem Autofahrer, welcher wild in die Menge fuhr, immer wieder vor- und zurücksetzte und damit in Kauf nahm, Anwesende zu verletzen. Einer der Herumstehenden soll dort die Seitenscheibe des Wagens eingeschlagen haben – zu diesem Zeitpunkt befand sich die Spitze des Marsches jedoch noch an der Einmündung Budapester Str./ Clemens-Schultz-Str., also etwa 50 Meter vom "Café Miller" entfernt. An der betreffenden Kreuzung angekommen, entstand kurzzeitig Verwirrung ob eines eventuellen Angriffes von Erfurtern, da die Polizei den Marsch in zwei Teile spaltete und bereits hier die Teilnehmer massiv bedrängte und schlug. Der deeskalierenden Einwirkung eines Fanladenmitarbeiters und verschiedenen USPlern ist es zu verdanken, dass der Marsch sich nicht provozieren ließ und seinen gewohnten Weg durch die Annenstraße fortsetzten konnte. Bereits hier konnten Gespräche zwischen verschiedenen Polizeieinheiten mitgehört werden, welche auf absolute Unkenntnis der Örtlichkeiten schließen ließ. Offensichtlich wussten einige Polizisten weder wen sie dort begleiteten, noch wo sie waren (”Ist das der Hans Albers Platz?”), oder wohin die Reise gehen sollte.
Höhe Hein-Hoyer-/ Annenstraße reihte sich eine weitere Polizeieinheit vor den Marsch ein und bewegte sich im Laufschritt die Brigittenstraße hoch. Kurz vor dem Marschende zählten die ersten Reihen lachend von zehn herunter und liefen die letzten Meter am Paulinenplatz vorbei bis zum Parkplatz vor dem Fanladen. Dieses "Ritual" wurde von USP schon häufiger benützt, ohne dass es hierbei zu Zwischenfällen kam. Am Freitag nahm eben jene Einheit dies zum Anlass von ihrem Standort auf Höhe des Kinos B5 auf den Fanladeneingang zuzurennen und unter Einsatz ihrer Schlagstöcke wahllos auf alle einzuschlagen, die in ihrer Reichweite waren. Obwohl viele der Betroffenen die Hände sichtbar über ihre Köpfe hoben, wurde weiterhin auf die Leute eingeprügelt. Nachrückende Personen aus dem Fanladen wurden ebenfalls attackiert, sowohl durch Schlagstöcke als auch durch Pfefferspray. Nach minutenlangen Auseinandersetzungen, wobei es vereinzelt zu Flaschenwürfen aus dem Pulk kam, zog sich die betreffende Einheit Richtung Gilbertstr. zurück. Dieser Einsatz hatte zahlreiche Verletzungen zur Folge: Ein Sankt Paulianer erlitt eine Schädelprellung, verlor für mehrere Stunden seinen Gleichgewichtssinn und konnte auf einem Ohr nicht hören. Unzählige Personen hatten mit den Folgen des Pfeffersprays zu kämpfen, selbst ein Vater mit seinem sechsjährigen Sohn auf dem Rücken ist geschlagen worden.
In der nächsten dreiviertel Stunde sammelten sich nun Polizeieinheiten in den umliegenden Straßen. Aufmerksame Beobachter hatten das Gefühl, dass der Fanladen gekesselt werden soll, da die Polizei Straßen absperrte. Das Ziel sollte wohl eine Personenkontrolle in größerem Stil sein.
Die Einheit der Polizei, welche den Schlagstockeinsatz zuvor begann, wartete immer noch in der Bleicherstraße, also nur wenige Meter vom Fanprojekt entfernt. Um ca. 23 Uhr, das Spiel und der Vorfall waren schon fast 2 Stunden vorbei, wurde von der Polizei tatsächlich der Fanladen gekesselt, und es gab die Ankündigung den Fanladen zu betreten um eine Person wegen Beamtenbeleidigung festzunehmen.
Hatte die Polizei an diesem Abend bereits mehrmals das Maß absolut überschritten, drang sie nun auch noch in die Räume eines sozialpädagogischen Projekts ein, welches seine Unantastbarkeit zu bewahren hat, um bestmögliche Arbeit leisten zu können. Circa 10-15 uniformierte Polizisten betraten den Fanladen, nahmen dort von allen Anwesenden die Personalien auf und fotografierten sie. Davon betroffen waren nicht nur diverse Sankt Paulianer von außerhalb und Erfurter Fans, sondern auch ein Mitarbeiter des Fanladens, sowie eine Person aus dem Vorstand von Jugend und Sport e.V., dem Trägerverein des Fanladens. Zudem trat die Polizeieinheit, die den Marsch attackiert hatte, erneut in Erscheinung und betrat ihrerseits den Fanladen, um dort den Keller noch einmal zu durchsuchen. Auch hier blieb die Suche, nach wem oder was auch immer, erfolglos.
Während dieser absolute Skandal im Fanladen vonstatten ging, spielte sich in den umliegenden Straßen ein weiterer ab. Über den Zeitraum einer halben Stunde machten Polizeieinheiten in Autos und zu Fuß dort Jagd auf einzelne Sankt Paulianer auf dem Nachhauseweg. Hierbei wurde in mindestens einem Fall ein Jugendlicher in ein Auto gezwungen und ihm dort mehrmals mit Schlägen und Festnahme gedroht, sobald er sich bewege. Eine Person wurde mit der Androhung von der Schusswaffe Gebrauch zu machen zum Stehen bleiben aufgefordert, an anderen Stellen jagten Polizisten Sankt Paulianer mit offener Autotür durch das Viertel.
Dieser Vorfall reiht sich in die jüngere Geschichte ein. So wurden einem jungen Sankt Paulianer nach dem Osnabrück-Spiel durch einen Polizeibeamten mit protektorenverstärktem Handschuh das Jochbein und der Kiefer gebrochen, sowie 4 Zähne ausgeschlagen.
Nicht nur das unverhältnismäßig gewalttätige Auftreten der Polizei ist zu verurteilen, insbesondere muss die Taktik der Einsatzleitung, die Taktik des Herrn Polizeioberrat Matthias Tresp, hinterfragt werden. Eingesetzte Beamte sind uninformiert über den Weg und das Ziel des Marsches, dessen Teilnehmer werden durch ein martialisches Aufgebot an Einsatzkräften und schwerem Gerät kriminalisiert.
Das 16 Jahre alte Fanprojekt – der Fanladen St. Pauli – wird in seiner sozialpädagogischen Arbeit behindert, indem man die Räumlichkeiten erstürmt und somit der gesamten Fanszene einen geschützten Rückzugsraum nimmt. Ebenfalls muss die Arbeit der zivilgekleideten Szenekundigen Beamten hinterfragt werden. Ihre angebliche Szenekundigkeit hätten sie deeskalierend einsetzen können und müssen, um zu klären, dass der Fanladen kein Angriffsziel für die ankommenden Sankt Paulianer darstellt, sondern das Ziel ihres Marsches ist.
Auch nach dem Magdeburgspiel wird es wieder einen Marsch gemeinsam mit den Stadionverbotlern vom Stadion zum Fanladen geben, wie nach jedem Heimspiel seit Sommer 2004. Er startet kurz hinter dem AFM-Container in Höhe des Telekomgebäudes. Am Marsch zum Fanladen nehmen erfreulicherweise nicht mehr nur USPlerInnen teil, sondern seit geraumer Zeit auch viele andere Fangruppen und Einzelpersonen. Ein weiteres Ansteigen der Teilnehmerzahl, insbesondere nach dem Magdeburgspiel, wünschen und erhoffen wir uns nun von der Sankt Pauli Fanszene. Wir werden uns, wie bereits die letzten 2 Heimspiele, deutlich später in Bewegung setzten, um eine Konfrontation mit den Gästefans zu vermeiden. Wir werden geschlossen auf der Straße gehen und laut unsere Solidarität mit dem Fanladen kundtun um zu zeigen, dass wir einen Angriff auf unser Fanprojekt nicht akzeptieren.
Lasst uns zeigen, dass nicht wir es sind, die beständig die Eskalationsschraube anziehen.
Der Marsch ist friedlich, Provokationen seitens der Polizei werden keine Beachtung finden.
Beweisen wir, dass Sankt Pauli auf Repressionen und Polizeigewalt mit einer viel stärkeren Waffe antwortet: mit braun- weißem Zusammenhalt.
Freiheit für die Fans! Der Fanladen bleibt unantastbar! Gegen Polizeigewalt und willkürliche Repression!
Nun folgt noch die Stellungnahme vom Fanladen, der Träger des Integrationspreises 2006 der Stadt Hamburg! Nachfolgendes wurde vom Vorstand und der Geschäftsführung des Verein Jugend und Sport e.V. erstellt und der Polizei-Einsatzleitung und der Ebene darüber zugesandt mit der Bitte um Änderung in der Polizeitaktik. Damit sollte der steigenden Repressions-Spirale und verhärteter Fronten entgegengetreten werden. Es gab aber keine Reaktion.
Zur Verhältnismäßigkeit der Einsätze und der Wertschätzung langjährig etablierter Fanarbeit beim FC St. Pauli durch die Hamburger Polizei
Stellungnahme des Fanladen St. Pauli, des Fanprojekts des FC St. Pauli, zu den Vorfällen nach dem Heimspiel des FC St. Pauli gegen Rot-Weiß Erfurt am Freitag, den 17.11.2006
Am Freitag, den 17.11.2006, kam es nach dem Heimspiel des FC St. Pauli gegen Rot-Weiß Erfurt im Rahmen des traditionellen Marsches der Fangruppierung Ultra Sankt Pauli vom Stadion zum Fanladen St. Pauli in der Brigittenstraße in dessen unmittelbarer Nähe zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei.
Im Zuge des polizeilichen Einsatzes wurde massiv mit Schlagstöcken und Pfefferspray sowohl gegen die TeilnehmerInnen des Marsches als auch gegen Unbeteiligte und vermittelnde Fanprojekt-Mitarbeiterinnen vorgegangen. Ebenso wurden Fans nach eigenen Angaben verschiedentlich durch Beamte beleidigt und in teils drastischer Art und Weise verbal bedroht.
Etwa eine Stunde später kamen circa 15-20 uniformierte Beamte in Schutzausrüstung in den Fanladen, um von den noch etwa 10 anwesenden Personen (inkl. der Fanladen-MitarbeiterInnen) die Personalien und (teilweise auch von den Fanladen-MitarbeiterInnen) Fotos aufzunehmen. Währenddessen hatten circa 50 Beamte das Gelände um den Fanladen abgesperrt und jeglichen Durchgang verweigert. Die ursprünglich durch den Leiter der Maßnahme im Fanladen geäußerte Begründung für das Vorgehen lautete auf Strafverfolgung des Tatbestands Beleidigung, was zu einem späteren Zeitpunkt durch den Einsatzleiter um die Tatvorwürfe des schweren Landfriedensbruchs und versuchter schwerer Körperverletzung erweitert wurde.
Selbstverständlich und als immanenter Teil unseres professionellen Auftrags als kritisch-parteiliche VertreterInnen von Faninteressen distanzieren wir uns deutlich von jeglichen gewalttätigen Handlungen von Seiten der FußballanhängerInnen, wie Angriffe, bspw. in Form von Flaschenwürfen auf Polizeibeamte. Solches Verhalten wird von uns weder akzeptiert noch geduldet, und es liegt uns fern, Formen von Gewalt zu verharmlosen.
Jedoch lassen uns sowohl alle Berichte und Eindrücke, die wir von den Ereignissen und deren Entwicklung selbst gewinnen konnten, als auch die Schilderungen von TeilnehmerInnen des Marsches – St.-Pauli-Fans jeglicher Couleur und jeglichen Alters – sowie von unbeteiligten AugenzeugInnen und BesucherInnen des Fanladens übereinstimmend zu einem Schluss kommen, der uns veranlasst, die Verhältnismäßigkeit des polizeilichen Vorgehens an diesem Abend in seiner Massivität deutlich infrage zu stellen.
Bedauerlicherweise ist dies nicht zum ersten Mal geschehen. Die am vergangenen Freitag erreichte Eskalationsstufe steht aus unserer Sicht vielmehr für eine neue Qualität in einer ordnungspolitischen Spirale repressiver Maßnahmen gegenüber zumeist jugendlichen Fußballfans, die sich seit geraumer Zeit in Hamburg beobachten lässt.
Kurzfristigen, ordnungspolitischen Interventions-Strategien scheint derzeit der Vorzug gegeben zu werden sowohl gegenüber deeskalierenden polizeilichen Handlungsalternativen als auch gegenüber langfristig und auf Nachhaltigkeit angelegten, sozialpräventiven Herangehensweisen der Fanarbeit. Dies bestätigt sich in drastischer Form anhand der Vorgehensweise im Zuge des Einsatzes in den Räumlichkeiten des Fanladens und der dort vorgenommenen Personalienfeststellungen, wodurch in besorgniserregender Art und Weise ein geschützter Raum eines anerkannten freien Trägers der Jugendhilfe durch polizeiliche Intervention missachtet wurde.
Diesem Schritt geht die Entwicklung voraus, innerhalb derer der verantwortliche Polizei-Einsatzleiter uns mehrfach das Vertrauen in unsere Arbeit abgesprochen sowie in Sicherheitsbesprechungen zu den Heimspielen des FC St. Pauli die Unmöglichkeit einer konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Fanladen St. Pauli zum Ausdruck gebracht hat. Dies geschah insbesondere aufgrund unserer Weigerung, vertrauliche Informationen aus der Fanszene an die Polizei weiterzugeben.
Die Arbeit eines Fanprojekts gemäß dem "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (NKSS)", der Arbeitsgrundlage aller sozialpädagogischen Fanprojekte in Deutschland zusammen mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz SGB VIII, basiert auf der Herstellung eines Vertrauensverhältnisses zu den Fans.
Schon allein angesichts des sehr negativ belasteten Verhältnisses zwischen Fans und polizeilichen Organen im modernen Fußball kann und darf Fanarbeit nur mehr nach beiden Seiten vermittelnd tätig sein, aber keinesfalls zum verlängerten Arm ordnungspolitischer Instanzen werden! Würden FanarbeiterInnen bspw. personenbezogene oder andere vertrauliche Daten an die Polizei weiterleiten, würde dies zum unweigerlichen Verlust der Vertrauensbeziehung zu den Fans führen.
Diese Arbeitsgrundsätze werden von Seiten des Fanladen St. Pauli bereits seit über 16 Jahren aktiv und erfolgreich vertreten und sollten auch der Polizei bekannt sein.
Die Diskreditierung unserer Arbeit im Rahmen der zunehmenden ordnungspolitischen Einschränkung von Freiräumen für Fußballfans, wie sie derzeit im Umfeld des FC St. Pauli zu beobachten ist, gibt uns zu Befürchtungen Anlass, dass auch zukünftig mit einer Verhärtung der Fronten und einer Steigerung der Eskalation gerechnet werden muss:
mit Zunahme der repressiven Interventionen und der Missachtung der Arbeit des Fanprojekts werden unsere Handlungs- und Vermittlungsspielräume zwischen den am Fußball beteiligten Gruppen und Institutionen drastisch eingeschränkt.
Ein konstruktiver Austausch zwischen den Fanarbeitern und den Sicherheitskräften sowie eine gegenseitige Akzeptanz beider Arbeitsweisen sind uns daher grundsätzlich sehr wichtig. Leider mussten wir jedoch in der Vergangenheit mehrfach die Erfahrung machen, dass wir von Seiten der Polizei weder als gleichberechtigte DiskussionspartnerInnen noch mit unserer – teils notwendigerweise auch polizeikritischen – Expertenmeinung zur Fanszene des FC St. Pauli und den Ursachen jugendkulturellen Verhaltens entsprechend wahrgenommen und wertgeschätzt wurden.
In Anbetracht der gegenwärtigen Debatte um eine Zunahme der Gewalt in den unteren Ligen wurde sowohl von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte als auch von Seiten des DFB und der DFL als zuverlässigste Finanziers der Fanprojekte sowie von der Bundesregierung die Notwendigkeit zu differenzierten, angemessenen und anlassbezogenen Sicherheitskonzepten als auch die Stärkung von präventiver Jugendarbeit im Fußball betont. Besonders wurde dabei für eine sicherheitspolitische Entdramatisierung und für den Vorzug einer sachlichen Analyse unter Einbeziehung von notwendigen Freiräumen für und einem Dialog mit Fußballfans plädiert.
Ein polizeiliches Vorgehen, das die Prinzipien und die Unterschiedlichkeit der Aufgaben von Fanprojekten und Sicherheitsorganen nicht berücksichtigt, kann nicht akzeptiert werden, vor allem da es kontraproduktiv für das Erreichen der Ziele ist, die von allen beteiligten Institutionen (Politik, Sicherheitsorgane, Vereine und Jugendhilfe) bei der Einrichtung von Fanprojekten schriftlich festgelegt wurden.
Entsprechend erwarten wir von Seiten der Hamburger Polizei ein Umdenken in der Polizeistrategie und eine Anerkennung der Grundsätze von Fanprojektarbeit als wesentlichen Beitrag zum gemeinsamen Interesse: einem friedlichen Verlauf der Fußballereignisse. Die Handlungsweisen des Fanladens sollten folglich respektiert werden und nicht – wie geschehen – die Erfolge langjähriger Arbeit durch einseitige ordnungspolitische und repressive Schnellschüsse torpediert werden.
Friedfertige Heimspiele können nur durch ein Miteinander erreicht werden – in unbedingter Anerkennung bestehender Selbstregulierungsmechanismen innerhalb der Fanszenen und Strukturen von professioneller Fanarbeit. Auch auf bundesweiter Ebene zeigt sich übereinstimmend, dass überall dort, wo eine entsprechende Wertschätzung und eine Kooperation auf Augenhöhe, insbesondere zwischen Polizei und Fanprojekt, gegeben ist, auch spürbar bessere Zustände in den Fankurven in Bezug auf Gewalt und Rassismus festzustellen sind.
Bedauerlicherweise sehen wir nach den Vorfällen von letztem Freitag, nach den Entwicklungen der letzten Monate und den entsprechenden Äußerungen des Einsatzleiters derzeit keine Möglichkeit zu einer weiteren Kooperation mit der Hamburger Polizei, solange nicht der jüngste Einsatz von Seiten der Verantwortlichen uns gegenüber kritisch reflektiert und fehlerhafte Vorgehensweisen eingeräumt werden konnten. Ebenso halten wir es für unabdingbar, dass sich die besagten polizeilichen Stellen in Hamburg eingehender mit den spezifischen Aufgaben von Fanprojekten vertraut machen.
Entsprechend werden wir bis dahin die Teilnahme an den Sicherheitsbesprechungen vor Heimspielen aussetzen und gegenüber der Polizei auch für keinen weiteren Austausch zu aktuellen Entwicklungen und Ereignissen in der Fanszene des FC St. Pauli zur Verfügung stehen.
Ansonsten wird der Fanladen St. Pauli auch weiterhin seine kritische Arbeit mit und für die Fanszene des FC St. Pauli in der gewohnten Qualität fortsetzen. Zudem werden wir zukünftig die polizeilichen Einsätze rund um die Heimspiele des FC St. Pauli durch einen Anwalt als neutralen Beobachter begleiten, dokumentieren und anlassbezogen bewerten lassen.
Nachtrag am 2.12.: Bemerkenswerte Bilder der Solidarität vom FC Sachsen, Eintracht Frankfurt und vom H$V! Umso beschämender, dass vom eigenen Verein noch keine Stellungnahme vorliegt. Beim Marsch vom Stadion zum Fanladen nach dem Magdeburgspiel waren neben rund 2000 St.Pauli-Fans allerdings 5 Aufsichtsräte dabei!
Nachtrag am 4.12.: Weitere Bilder von Solidaritätsbekundungen aus Jena und von der Schickeria München vom Spiel der Bayern gegen Gladbach. Nicht nur, dass der Verein keine Stellungnahme veröffentlicht, er hat vor dem Magdeburg-Spiel das Verteilen von Flugblättern zu der Thematik bis eine Stunde vor dem Spiel untersagt gehabt. Deswegen hier nun der offene Brief vom Fanclub Sprecherrat an das Präsidium.
Mit größter Enttäuschung haben wir vernehmen müssen, dass das Präsidium des FC St. Pauli nicht bereit ist, dem Fanladen seine Solidarität zu erklären und den unverhältnismäßigen Polizeiüberfall auf den Fanladen und dessen BesucherInnen am 17.11.2006 zu verurteilen.
Noch mehr entsetzt und wütend gemacht hat uns aber die Tatsache, dass das Präsidium das Verteilen von Informationsflugblättern im Stadion anlässlich des Magdeburgspiels verbieten will.
Wir werden Beides nicht widerspruchslos hinnehmen!
Wie in der Stellungnahme des Fanladens und des Vereins Jugend und Sport bereits geschildert, kam es am Freitag, den 17.11.06 im Anschluss an das Spiel gegen Erfurt zu einer weiteren Eskalation seitens der Polizei gegen die Fanszene des FC St. Pauli. Dies war der bisherige traurige Höhepunkt in der zunehmend repressiveren und eskalierenden Taktik der Hamburger Polizei gegen die Fans unseres Vereins. Im Zuge dieser Eskalation und Provokation wurde seitens der Polizei der Fanladen überfallen und von allen Anwesenden (auch von den MitarbeiterInnen des Fanladens) Personalien aufgenommen und Fotos gemacht.
Jeder und jede, welche sich mit der Arbeit sozialpädagogischer und sozialarbeiterischer Projekte beschäftigt, weiß, dass dies eine nicht zu akzeptierende Einmischung und Provokation der Arbeit sozialer Projekte darstellt. Ein soziales Projekt wie das Fanprojekt ist ein geschützter Raum, in welchem parteilich, vertrauensvoll und bei Bedarf auch anonym soziale Arbeit getätigt wird.
Gerade erst wurde die hervorragende Arbeit des Fanladens durch die Verleihung des Integrationspreises der Stadt Hamburg für das Projekt Kiezkick des Fanladens gewürdigt. Darüber hinaus gab es in den letzten Wochen auf Grund bundesweiter negativer Ereignisse, wie wir sie von St. Pauli Fans noch nie erleben mussten, von Seiten des DFB, DFL und der Bundeskanzlerin eine Aufwertung der Fanprojektarbeit hinsichtlich deren Bedeutung für die soziale Arbeit mit Fans.
Dass dies die Hamburger Polizei wenig interessiert und diese das Fanprojekt St. Pauli lieber heute als morgen zerschlagen sehen möchte, steht auf einem anderen Blatt.
Dass dies aber den Verantwortlichen unseres Vereins entgangen ist, ist einfach nur beschämend. Anstatt sich – wie andere Vereine auch – solidarisch hinter den Fanladen und die Fans zu stellen, verbietet das Präsidium für das Stadion das Verteilen von Flugblättern, welche die Geschehnisse dokumentieren.
Wir werden dies so nicht akzeptieren:
Wir fordern das Präsidium auf, seine Haltung umgehend zu ändern, dem Fanladen seine uneingeschränkte Solidarität auszusprechen und den Polizeiüberfall auf den Fanladen zu verurteilen.
Sollte dies nicht geschehen, müssen wir davon ausgehen, dass sich das Präsidium zum Erfüllungsgehilfen der Hamburger Polizeitaktik macht und sich damit gegen diejenigen stellt, die diesem Verein in den letzten zwei Jahrzehnten erst seine europaweite Reputation gebracht haben..
Als Konsequenz hieraus sehen wir uns zurzeit nicht mehr in der Lage, mit diesem Präsidium weiterhin zusammen zu arbeiten. Als gewählte Fanvertretung werden wir so lange die Mitarbeit in allen Vereinsgremien und Projekten beenden, bis das Präsidium gezeigt hat, dass es auf der Seite der Fans des FC St. Pauli steht und nicht auf der Seite der Repression.
Nachtrag am 15.12.: Ein weiteres Bild von Solidaritätsbekundungen diesmal vom Spiel Stuttgart gegen Bochum.




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Friday, 1. December 2006
“einen Anwalt als neutralen Beobachter begleiten, dokumentieren und anlassbezogen bewerten lassen”
Hoffentlich hilft das.
Als vor einigen Jahren ein Journalist bei einer Demo gezielt von einer Gruppe Polizisten in Zivil isoliert und misshandelt wurde haben sie sich auch von der laufenden Kamera nicht stören lassen. Warum auch, großartige Konsequenzen haben sie auch nicht zu befürchten …