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Über die Wohlfühlgeschwindigkeit

8. August 2007 — Zuletzt bearbeitet: 3. February 2008 | 2496x gelesen

Drei herrliche Tage in der Magdeburger Börde endeten mit neuen Erkenntnissen und beinhalteten viel Spaß und kaum auszugleichenden Verlust von Körperflüssigkeiten…

Der Termin von ProSpeed in Oschersleben war zweigeteilt: Freitag war gemütliches Cruisen in 20-Minuten-Turns angesagt und am Wochenende dann der Race-Termin, bei dem sich alles um Vergleichsfahrten für 7 Runden und über 80km drehte. Deswegen konnte ich am Donnerstag abend nach meiner Ankunft nicht nur die üblichen Verdächtigen begrüssen, sondern auch etliche Seltenfahrer und Rennstreckenneulinge. So standen allein in unserer Box 6 verschiedene Triumphs und wir waren nicht die einzigen …

Der Freitag ist schnell erzählt: zunächst hatte ich einige Schwierigkeiten mich an die neue Verkleidung zu gewöhnen und dann fuhr ich in der gleichen Gruppe, wie viele Neulinge, die offensichtlich das erste Mal in Oschersleben starteten. Da diese Leute keine verlässliche Linie fuhren – zumindest habe ich keine entdeckt – fiel es mir schwer vernünftige Überholvorgänge durchzuführen, schließlich wollte ich auch niemanden erschrecken…
Nachmittags habe ich die Gruppe gewechselt und es lief dann besser bei mir. Meine Zeiten stabilisierten sich auf Aprilniveau von relativen konstanten 1:50. Mir war klar, dass dies für die Race-Veranstaltung nicht reichen würde, denn dort qualifizierten man sich nur, wenn man maximal 115% vom schnellsten fährt. Ich war trotzdem nicht unglücklich, denn ich hatte keinen richtigen Rhythmus gefunden und meine Reifen waren auch am Ende. Also beendete ich den Tag mit einem Reifenwechsel.

Neuer Speed mit alter VerkleidungDie neue Verkleidung hat sich als positiv, aber nicht vibrationsfest erwiesen: etliche Schrauben hatte es los vibriert, so dass ich den Abend mit abkleben und sichern von allen Schrauben mit Tape verbrachte.
Die Boxencrew wechselte nun, denn die Rennstreckenneulinge und Seltenfahrer verliessen die Börde mit breitem Grinsen und zwei 675er Fahrer mit Racerblut gesellten sich dazu. Sandro und Andi erfuhren das Renngeläuf mit dem Fahrrad und kamen mit einer Reihe neuer Erkenntnisse zurück. Beim bierseeligem Gespräch wurden Brems- und Einlenkpunkte meterweise verschoben.

Am Samstag morgen musste ich mich erst mal an die Atmosphäre und den anderen Ablauf gewöhnen: erstmals war ich auf einer Veranstaltung ohne Gruppeneinteilung. Der Zeitplan sah vor, dass von 8 – 12 Uhr freies Fahren angesagt war – jeder konnte so oft und lange raus, wie er wollte. Um kurz vor 9 Uhr fuhr ich das erste Mal raus und fühlte mich gleich wohl. Die Strecke war relativ leer und das Fahren gestaltete sich recht entspannt. Nach 3 Runden Motor warmfahren fuhr ich persönliche Bestzeit, die ich in der 5. Runde noch mal toppen konnte: 1.48:6 zeigte der Laptimer. Am Vormittag konnte ich jeden Turn mit einer gefundenen Sekunde abschliessen. Bei 1.46:4 blieb mein Laptimer in meiner schnellsten Runde stehen. Wenn ich ähnlich gut im Qualifying fahren könnte, war ich mir sicher die 115% Hürde zu nehmen und mein wichtigstes Ziel vom Wochenende zu erreichen. Schließlich fährt man zu einem Race-Wochenende, um die Rennen mitzufahren – egal an welcher Stelle man landen würde.

Total super war das eigentlich von Achim als Verarschung gedachte das als Motivationsschub gedachte Abkleben meines Drehzahlmessers von Achim. Ich hatte das leicht modifiziert und konnte deswegen den Drehzahlmesser erst sehen, wenn ich mindestens sechseinhalb Touren anliegen hatte. So wußte ich an jedem Kurvenausgang immer sofort, ob ich zu langsam bzw. im falschen Gang war. Meistens war ich natürlich zu langsam…
Der Grinsemann mal wiederDurch einige wenige Kniffe hatte ich also meine Wohlfühlgeschwindigkeit in Oschersleben erhöht. Ich fuhr meine Turns relativ entspannt – zwar schon mit Schweißperlen auf der Stirn, denn es war recht warm, aber eben ohne Angstpipi in der Hose. Die Tipps von Sandro und Andi hatten auch für mein Geschwindigkeitsprofil bessere Resultate zur Folge und die Umstellung meines Fahrstils hin zu weicherem Hineinbremsen in die Kurven hatte auch erstaunlich gut funktioniert.
Da es bei Achim nicht ganz so gut lief, fuhren wir beim nächsten Mal gemeinsam raus. Begleitet von seinen lieblichen Worten: “Los, zieh mich, Du Sau!” Ich bin zwar Freund, aber kein Idiot und habe ihn nur bis knapp unter 1.48 gezogen. Sein mittlerweile eingetroffenes Projektteam “1.45″ war trotzdem begeistert von seiner Performance, weil die Videoanalyse ein Überholvorgang gegen mich aufzeichnen konnte.

Mir war es egal, denn ich machte mir schon Tatikgedanken über das halbstündige Qualifying. Sollte ich spät raus fahren, weil dann die Strecke leerer sein würde? Oder sollte ich früh raus fahren und mich ziehen lassen? Nach Rücksprache mit Sandro entschied ich mich für’s frühe rausfahren. Der Plan ging auf, denn ich lief relativ schnell auf einen Ducatifahrer auf, der ungefähr meinen Speed fuhr. Mein Versuch ihn zu überholen ging schief und so ließ ich mich etwas zurückfallen, um ihn dann wieder einzuholen. Nach 6 Runden konnte ich beruhigt raus fahren: 1.46:890! Die 46 bestätigt und sicher, die Qualifizierungshürde übersprungen zu haben. Ich habe mich dann noch freundlich beim Ducatifahrer für’s Ziehen bedankt, um später zu sehen, dass ich in der Startaufstellung vor ihm starten würde…

Beim abendlichen Grillen überlegte ich mir dann eine Strategie für’s Rennen, denn ich wollte auf jeden Fall vor dem Ducatifahrer bleiben in der Hoffnung genügend Vorsprung herausfahren zu können, um auf der Gerade nicht von ihm überholt werden zu können – denn auf der Geraden war er einfach schneller als ich.

Der Start des 7 Runden Rennens war in meiner Klasse auf 10:10 Uhr festgelegt. Ich habe ausgeschlafen und gut gefrühstückt und bin ohne frühmorgendliches Warm-up in die Startaufstellung gefahren. Da ich mich voll auf das Renngeschehen konzentrieren wollte, hatte ich auch meinen Laptimer abgebaut.
Nach zwei Runden zum Warmfahren der Reifen wurde es ernst und alle warteten auf das Auslöschen der roten Ampellichter. Ich war 36. von 38 Startern. Die rote Flagge senkte sich, die roten Lichter gingen an und kurze Zeit später wieder aus. Mein Start war wirklich prima, denn ich gewann 5 Plätze – nur der Ducatifahrer war noch besser und fuhr 2 Maschinen vor mir. Und mit 4 Leuten parallel durch die Hotelkurve zu fahren ist auch ein Erlebnis…

Bewegungslegastheniker von hintenJedenfalls gab ich alles, um den Ducatifahrer in Sichtweite zu behalten. Der fuhr an diesem Morgen wie der Teufel. Oder war ich noch nicht ganz wach? Jedenfalls dauerte die Ducatipower nur 3 Runden – dann verpasste er den Einlenkpunkt zur Start-Ziel und ich hatte einen weniger vor mir. Nach 4 Runden hatte ich die am Start gewonnenen Plätze wieder verloren und keine Kraft mehr den vor mir fahrenden einzuholen. Ich kam zwar kurzfristig näher ran, war mir aber sicher ihn nicht überholen zu können. Also schaute ich nach hinten und sah, dass da keiner mehr kam. Also war mir klar, dass ich Letzter werden würde und wollte nur noch irgendwie ins Ziel kommen. Das war wohl nicht mein Rennen, dachte ich mir, als ich die Zielflagge sah. In der Auslaufrunde überholte mich plötzlich jemand im Shell-S. Nanu? Wo kommt der denn her? Später erkannte ich dann, dass ich doch ein recht anständiges Rennen gefahren bin. Ausschließlich 47er Runden und eine 46.7 zur Bestätigung meiner 46er Zeiten, verbunden mit dem vorletztem Platz – insgesamt 33. von 34 Fahrern. Klingt nicht gut, aber das Feld war auch stark: die ersten 13 Fahrer fuhren alle unter 1.40!

Nach diesem dann doch ganz gut gelaufenen Kurzstreckenrennen entschied ich mich, doch bei dem 80km Rennen zu starten. Mir war klar, dass ich dabei keine Schnitte sehen würde, denn meine Ausdauerfähigkeiten waren doch sehr schlecht an diesem Wochenende und ich konnte mir ausrechnen zweimal überrundet zu werden. Aber ich wollte es wenigstens probieren.

Das Knie am Boden80km bedeuten übrigens 22 Runden plus 2 Warm-Up-Laps und jeweils einer Ein- und Auslaufrunde und ungefähr eine Dreiviertelstunde Racing! Da das Rennen um 13:30 Uhr gestartet wurde und es eh schon sehr warm war, entschied ich mich hinten einen neuen Reifen mit harter Mischung aufzuziehen. Das Anfahren des Reifens sollte dann in den Warm-Up Laps stattfinden. Pünktlich um 13:30 Uhr standen 31 Fahrer in der Rennaufstellung. Ich war hier schon Letzter, weil die hinter mir postierten Fahrer leider nicht angetreten sind. Beim Start konnte ich zwar wieder 4 Plätze gut machen, aber die verlor ich diesmal noch schneller als beim Kurzstreckenrennen. Zwar konnte ich relativ lange eine vor mir fahrende Dreiergruppe verfolgen, aber nach geschätzten 5 Runden musste ich sie ziehen lassen. Ich hatte einfach keine Power mehr. Dann wurde es ein einsames Rennen. Ich hatte zudem überhaupt keine Orientierung, wieviele Runden denn noch zu fahren seien. Irgendwann wurde ich überrundet und ich dachte mir, dass nun die Hälfte geschafft sei. Ich fuhr und fuhr, immer wieder die gleichen Kurven. Kein Zeitgefühl, nur noch Durst. Es war die Hölle…
Dann kam mir der Gedanke, dass ich einige Helfer mit den aus der motoGP-Übertragung bekannten Tafeln in der Boxenmauer gesehen hatte. Und ein Lizenzfahrer war ja in meiner Klasse unterwegs. Also schaute ich auf der Start-Ziel Richtung Boxenmauer und erkannte tatsächlich ein Schild. Darauf stand oben die 7 und unten die minus vier. Ich deutete die Zahlenfolge als 7. Platz für den entsprechenden Fahrer und noch vier Runden zu fahren. Kurzfristig lebte ich auf, denn vier Runden würde ich noch schaffen. Beim nächsten Umlauf schaute ich wieder auf die Tafel, an der gerade umgesteckt wurde – der Fahrer muss also kurz vor mir sein. Nach einer weiteren Runde fiel ich in ein tiefes Motivationsloch. Auf der Tafel stand nun oben die 7 und unten die 5!
Ich war kurz davor raus zu fahren. Völlig ohne Power schlich ich um den Kurs. Minuten fühlten sich wie Stunden an. Ich habe nur deswegen nicht abgebrochen, weil ich es einfach schaffen wollte und die bisher gefahrenen Runden nicht wegwerfen wollte. Eine weise Entscheidung, denn endlich zeigte die Rennleitung an, dass die letzten zwei Runden für mich angebrochen waren.

Diese letzten zwei Runden wollte ich nochmal richtig angasen, aber durch meine vorhergehende Schleicherei hatte ich den Slick kalt gefahren. Nach der Hotelkurve und der folgenden Hasseröder hatte ich jeweils eine Rechts- und eine Linkskurve mit schmierendem Hinterrad durchfahren. Erstmals an diesem Wochenende fühlte ich mich unwohl und wollte nun nichts mehr riskieren. In der letzten Runde wurde ich unendlich langsam, aber ich kam ins Ziel! Geschafft – ein 80km Rennen. Jetzt kam ich auch schon auf die Idee mal auf den Tageskilometerzähler zu schauen: 87km zeigte er am Ende der Auslaufrunde an.

Ein besonderes Erlebnis war dann die Zielzone, als alle Fahrer mit Elektrolytgetränken versorgt wurden und alle ihre Helme abnahmen: ich habe selten fast 30 sehr alt aussehnde Moppedfahrer gesehen. Alle waren völlig erschöpft, aber glücklich. Einige nette Gespräche später und nach der Siegerehrung (mit der ich natürlich nichts zu tun hatte) fuhr ich zu unserer Box, wo sich alle versammelt hatten und mich Hände klatschend empfingen. Vielen herzlichen Dank, meine Lieben, für diesen überwältigenden Empfang!

Ach ja: das Ergebnis spielt nicht wirklich eine Rolle, aber ich bin 27. und letzter geworden. Interessant fand ich dann noch meine Zeiten, denn die Wohlfühlgeschwindigkeit hatte sich offensichtlich eingependelt: alles so um 1:48 mit einer schnellsten Rennrunde von 1:47.65 in der 14. Runde.

Ich habe an diesem Wochenende viel gelernt:

  • in der Triple Gas stehen lassen
  • in der Schikane das rote Eck anpeilen
  • am Ende der Gegengerade nicht zu stark bremsen
  • am Ende der Start-Ziel muss man gar nicht bremsen
  • in Schräglage wird automatisch Geschwindigkeit verringert
  • für’n Harten bin ich zu langsam

Und meine Wohlfühlgeschwindigkeit konnte ich weiter steigern: während ich in Brünn noch mit 130km/h im Schnitt unterwegs war, betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit in Oschersleben diesmal 132km/h. Und da geht noch einiges…

HINWEIS: Die Bilder auf dieser Seite stammen von Markus Kiefer von schraeglagenfotos.de und sind urheberrechtlich geschützt! Die Bilder können durch einfaches Anklicken vergrößert werden.

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Kategorie: Racingtime

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4 Kommentare

  1. moinsen Stefan,
    muß da was richtig stellen! Das abkleben des Drehzahlmessers war nicht als Verarschung gedacht!!!
    Ansonsten, wie immer, ein schöner Bericht, dessen Motto ich natürlich nicht erraten hätte ;-)
    triplegruß
    achim

  2. Wie immer Klasse Bericht !!!!
    Und wenn mann einige von den üblichen Verdächtigen kennt, weiß man was bei Euch noch so angesagt war.Tolles Team !!
    Wo startet denn bloß diese U-50 Gruppe? Bekomm ich da mit meinem Rentnerausweis Rabatt ? Drezahlmesser abkleben kann ich selber :-) :-)

    So long
    Heiner

  3. @Achim: OK, habe ich geändert!
    @Heiner: komm halt mal wieder mit…

  4. sehr löblich-schöner Bericht Gröni!

    ich/wir freuen uns schon auf das nächte Event mit der Boxengemeinschaft und erst richtig auf die nächste Saison!

    Cu
    Jo

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