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Unspektakuläres vom Biketoberfest

18. September 2007 — Zuletzt bearbeitet: 30. December 2007 | 3844x gelesen

Das Wochenende zum Biketoberfest hat schon nicht gut begonnen: eine Computerpanne bei meinem Mietwagenverleiher hat mich ungefähr eine Stunde gekostet, ein nicht richtig verschlossener und dann umgekippter Benzinkanister hat die vollgeladene Ladefläche des Mietwagens in einen See verwandelt und viele Teile ruiniert – und dann hat auch noch meine Frau angerufen und mir mitgeteilt, dass eine unserer Katzen das Zeitliche gesegnet hat… aber das war nur der Anfang!

Freitag war gemütliches Fahren mit Freunden angesagt. Nach meinem Sturz in Poznan vor drei Wochen musste ich erst mal wieder neues Vertrauen aufbauen. Der Vormittag verlief deswegen mit verkrampften Fahrversuchen. Erst als ich mir selbst befahl, gefälligst wieder Spaß am Ringisieren zu haben, purzelten die Zeiten wieder. Im vorletzten Turn konnte ich meine bisherige Bestzeit in Oschersleben auf eine 1:45.9 senken.
Das Schönste am Biketoberfest war das sogenannte “Team Helms-Montesa”, die mit einem wahnsinnigen Aufwand und tierisch viel Manpower Achim unterstützten. Da ich einige Leute aus dem Team kannte und auch schon oft mit Achim unterwegs war, konnte ich schon zu diesem Zeitpunkt von einigen Annehmlichkeiten profitieren. Vor dem letzten Turn kam es so dazu, dass Achim und ich auf zwei Liegen eine Runde ruhten, bevor wir gemeinsam rausfahren wollten.
Beim letzten Turn des Freitags wollte es der Zufall so, dass ich zunächst einige für mich tolle Runden hinlegte, nicht wissend, dass Achim stets in meinem Windschatten gefahren war. Irgendwann begann dann der harte Hinterreifen zu rutschen und ich wollte gerade die Hand heben zum Rausfahren, als Achim mich eingangs Shell-S überholte. Tja, da musste ich wohl oder übel hinterher fahren…
Es folgten einige grandiose Runden in denen wir beide uns nichts schenkten. Wir fuhren rundenlang hohe 45er und niedrige 46er Zeiten. Wir hatten Spaß und die Zuschauer vom “Team Helms-Montesa” waren begeistert. Ich hatte mehrere gut zu kontrollierende Hinterradrutscher, weil mein Slick eben doch relativ am Ende war. Allerdings hatte ich mich an Kai Schliepers Worte in Anneau erinnert, wenn’s denn mal rutscht: “Lass’ rutschen”. Hat an dem Abend wirklich gut funktioniert.
Ein völlig verkorkster Start hatte ein schönes Ende gefunden.

Dann kam das Wochenende und somit das eigentliche Biketoberfest mit einer Fülle von Rennen, Zuschauer und schönen Bikes. Da die Temperaturen deutlich niedriger als noch am Tag zuvor waren und ein kalter Wind auch keine Besserung ankündigte, zog ich auf vorne weiche und hinten mittlere Bridgestoneslicks um. Obwohl nur wenige Übungsturns vorgesehen waren, ließ ich den ersten um kurz nach 8 Uhr aus. Beim zweiten Turn kurz vor 10 Uhr war es schon wärmer und nach zwei Einführungsrunden um den Motor war zu fahren, zog ich etwas kräftiger am Kabel. Der Lappenzeiter zeigte eine niedrige 1.49 und ich wußte, dass das noch schneller ging. Die nächste Runde schien eine 47er werden zu wollen, als ich eingangs Shell-S plötzlich eine nicht mehr zu beherrschende Schräglage bemerkte. Ich ließ meine Lady los, rutschte bei einem ungefähren Tempo von 150kmh auf dem Asphalt Richtung Kiesgrube längs, bis mich der Kies mehrfach rotieren ließ. Mit dem Rücken im Kies kam ich völlig orientierungslos zum Liegen – schnaubend wie ein Walroß. Sofort stand der Streckenposten über mir und sprach mich an. Ich musste erst mal zur Puste kommen und hörte über das Streckenpostensprechgerät vom Abbruch des Turns.
Als ich dann auf stand, war mein Mopped schon von einem zweiten Streckenposten aufgehoben worden. Sofort war mir klar, dass es das wohl mit meinem heutigen Rennen gewesen sein sollte. gecrashte DaytonaDer Zustand war erschreckend.
Ich lief Richtung Sicherheitsweg als mich Zuschauer darauf aufmerksam machten doch lieber in die andere Richtung zu gehen, denn dort kam auch schon der Krankenwagen angefahren. Ein Streckenposten sagte mir, wo die Maschine hingefahren wird und ich stieg zu einem weiteren Verletzten in den Krankenwagen Richtung “Medical Center”. Mein Gegenüber sah deutlich schlechter aus als ich – eine Windböe hatte ihm das Vorderrad weggezogen. Er wurde im Medical Center von Doc Scholl mit den Worten “Du schon wieder” begrüsst.
Ich durfte meine Oberbekleidung im Beisein einer jungen attraktiven Ärztin ausziehen. Die Ärztin erschrak, als sie meinen Rücken sah – aber meine Skoliose hatte nun wirklich nichts mit dem Rennunfall zu tun. Da ich keinen Bock auf Roentgen, Auszeit oder sonstiges hatte, bestand ich darauf mich nur geprellt zu haben. Fünf Minuten später war ich wieder in der Box, wusch meine Kombi und holte mein lädiertes Bike bei der technischen Abnahme ab.

Glücklicherweise hatten einige Freunde meinen Unfall gesehen und konnten mir deswegen sagen, dass ich einen Hinterradrutscher hatte. Der Reifen und/oder die Strecke waren wohl noch nicht auf Temperatur gewesen.
Als nun mein Bike in der Box stand, kamen viele hilfreiche Geister und wir begutachteten das gute Stück. Ich bemerkte, dass meine Zeit in der einen Runde, die ich vernünftig zu Ende gefahren hatte, für die Startaufstellung reichen würde – und das Rennen ja erst in fast 5 Stunden sein würde. Das müßte doch zu schaffen sein…

Und nun kam eine unbeschreibliche Zeit, die ich so schnell nicht vergessen werde. Zeigt sie doch, dass Racer sowieso, aber T5net’ler im Speziellen einen Nagel im Kopf haben. Ferner wurde in dieser Zeit klar, dass Motorradrennsport Teamsport ist und gute Freunde mit nichts auf der Welt zu bezahlen sind. Wir hatten die Reste der Daytona zum “Team Helms-Montesa” gebracht und waren noch am Schäden begutachten, als Hansjörg mit seiner kompletten Verkleidung ankam – immerhin stand seine Tona schon fertig verzurrt zur Abreise im Transporter. Eine neue Kanzelhalterung hatte mir Achim ja sowieso schon gefertigt. Einen Bremsflüssigkeitsbehälter hatte Hansjörg auch noch griffbereit. Und einen Ersatzschlüssel hatte ich dabei. Wir haben dann noch einen daumennagelgrossen Kiesel aus der Airbox geholt, den an zwei von drei Interferenzrohren gerissenen Krümmer ausgebaut und schweissen lassen, die Fussraste provisorisch repariert, Fussrastenanlage wieder neu justiert, Bremsflüssigkeit und Öl gecheckt, Startnummern neu aufgelebt, etcpp. Mehrere Leute waren permanent am Schrauben und eine Viertelstunde vor Rennstart war alles wieder einsatzbereit. Eine grandiose Teamleistung! Danke an alle Helfer!
Es folgten noch aufregende Minuten, denn das Mopped musste ja noch zur technischen Abnahme. Freundlicherweise konnte sich ein Offizieller aufraffen und kam zur Kontrolle in die Box, prüfte Mopped und Helm und gab sein OK. In den verbleibenden 5 Minuten bis zum Start checkte ich meine Startposition, warf ich mich wieder in meine Kombi, trank noch schnell einen halben Liter, Robin schaute geistesgegenwärtig in den Tank und füllte ihn entsprechend und zwei weitere Helfer entfernten auf Handzeichen die Reifenwärmer. Pünktlich fuhr ich zum Start.
Natürlich war das keine optimale Vorbereitung für ein Rennen über 15 Minuten plus eine Runde. Die Warmup-Lap nutzte ich zum Warmfahren und Kontrollieren des Motors, die ersten zwei Runden des Rennens musste ich erst mal die Reifen warm kriegen, weil die Wärmer viel zu kurz drauf gewesen waren. Und dann brauchte ich noch etwas, um wenigstens wieder halbwegs Vertrauen in Reifen und Fahrkünste zu bekommen. Da wurde ich dann auch schon überrundet. Kurz: das Rennen war eine Katastrophe, aber ich bin gefahren. Von 32 gestartet und auf 32 gelandet war nicht das, was ich eigentlich an dem Wochenende erreichen wollte, aber ich war schon nicht mal Letzter geworden. Meine Kniee hatten kein einziges Mal Kontakt mit dem Asphalt, die Zeiten entsprechend langsam. Aber Sonntag stand ja auch noch ein Rennen an…

Langsam entwich das Adrenalin aus meinem Körper und die Schmerzen kamen. Vor allem im Ischiasbereich und auf halber Höhe direkt neben der Wirbelsäule, alles auf der linken Seite. Dort hatte ich auch auf dem Schulterblatt mittig einen blauen Fleck. Die Bewegungen fielen schwerer…
Andi gab mir sein ABC-Pflaster und vier Biere später sank ich total fertig in den Schlafsack.

Der nächste Morgen begann schmerzhaft und ich hoffte auf eine Wunderheilung auf dem Motorrad – ähnlich, wie es mir in Brünn widerfahren war. Ich fuhr nur den zweiten von drei möglichen Turns und das auch nur 10 Minuten lang. Die Erkenntnis war, dass Moppedfahren immer noch geht, aber der Körper längst nicht mehr so schnell zwischen den Schräglagen wechseln konnte als noch vor zwei Tagen. Entsprechend grausam waren die Zeiten. Mein zweites Rennen, diesmal über 20 Minuten plus eine Runde, startete um 12:50 Uhr. Vorher hatte ich mich mit Traubenzucker, Vitamin C, verschiedenen anderen Pulvern und einer Paracetamol legal gedopt. Eine Banane und etwas Schokolade sorgte für eine gesunde Kohlenhydratbasis. Das Wetter war gut und meine Laune in der Startaufstellung prächtig. Ich hatte einfach wieder Bock auf’s Fahren und wollte im Rennen was reissen.

Die Ampel geht auf rot, die Ampel geht aus, ich kupple zu spät, produziere ein kleines Wheelie, nutze eine Lücke und schnappe mir ca sechs Plätze. In der folgenden Hotelkurve bleibe ich innen und stecke ausnahmsweise mal nicht zurück. Ein geiler Start gab mir die Lust auf weitere schnelle Rennrunden. Zwar wurde ich von vieren wieder geschnappt, aber sie zogen nicht so schnell weg wie ich befürchtet hatte. Bis zur ersten Überrundung dauerte es diesmal deutlich länger. Nach 12 Minuten verliessen mich allerdings langsam die Kräfte und ich schaute nach hinten, konnte aber keinen sehen. Mein Vorsprung war wohl groß genug und ich ließ es langsamer angehen. Nach 15 Minuten wedelten die Streckenposten eingangs Start-Ziel mit den gelben Fahnen und ich war überrascht, dass das Rennen nicht abgebrochen wurde – schließlich lag da ein Mopped noch gut auf der Strecke. Das lag da auch noch nach der nächsten Runde und auch nach der übernächsten. Nach 19 Minuten wedelten die Streckenposten am Ende der Start-Ziel neben gelb auch noch weiß. Das hatte ich so noch nie gesehen und ich wußte nicht, was nun passieren würde. In der Hotelkurve wurde es mir schlagartig bewußt: dort stand ein Rettungswagen halb auf der Strecke und ein Arzt kümmerte sich um einen Verletzten. Ich wunderte mich sehr über den nicht erfolgten Rennabbruch. Als ich an der Gegengeraden angekommen war, sprang dann endlich die roten Lampen an: Rennabbruch.
Ich war auf Platz 22 gelandet und hatte auch den in der Startreihe vor mir platzierten Boxennachbarn hinter mir gelassen. Die relativ konstanten Zeiten in den 49ern waren für meinen Zustand in Ordnung und der Spaß war auch dabei. Ich freute mich dann noch über einen Pokal für Sandro und ein tolles Rennen von Achim mit einer Bestzeit von 1:45.145 (Gratulation, mein Lieber!) in der Supersportklasse.

Ein völlig verkorkstes Wochenende hat dann doch noch ein halbwegs versöhnliches Ende genommen.

Der Kommentar meiner Frau lautete übrigens lapidar: “Wie oft kannst Du noch stürzen, bevor Du eine neue Kombi brauchst?”
Jedenfalls möchte ich am Lausitzring in zwei Wochen mal ausnahmsweise sitzen bleiben…

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Kategorie: Racingtime

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5 Kommentare

  1. Wie immer klasse zu lesen, für alle die dabei waren eine Erinnerungshilfe für das eine oder andere Detail das bei diesem Wochenende durchaus in Vergessenheit geraten könnte.

    Respekt

    Hans+++

  2. Hi Stefan…
    puh… schön zu lesen, wie immer.
    Leider zu wenig Fotos. Na gut du hattest ja was zu tun ;-) . Schön das du den Rutscher gut überstanden hast.
    Aber lass das nicht zur Gewohnheit werden. Oder machst du heimlich einen Schwabenleder Test?
    (Alne wirbt ja auch mit einem 18X gestürztem Lederkombi ) ;-)
    Grüße
    Footprince

  3. Hallo Stefan!
    War wieder spannend geschrieben, ich wünsche natürlich gute Besserung und hoffe, dass Deine Moppete bis zum Lausitz-Event klar ist! Ich drück schon mal die Daumen, dass Du auch sitzen bleibst!
    Selbstverständlich auch mein Beileid wegen Fragie!

    Gruß
    M.

  4. Hi Gröni,

    Ein schöner Artikel! Obwohl mein ‘Berichterstatter’ auch vor Ort war, hatte ich durch Deinen Bericht nachträglich das Gefühl doch noch ein bißchen dabei gewesen zu sein…

    Auch von mir Gute Besserung und mein herzliches Beleid wegen Fragile.

    Grüße Silvy

  5. Kaum läßt man den Kerl aus den Augen, schon macht er Blödsinn ;-) . Aber, wie immer, sehr unterhaltsam geschrieben.

    Reinhaun!!!

    Karsten

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